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SWR2 Wort zum Tag

Ist wahr, was wir wahrnehmen? -- Klar, gehe ich davon aus, dass meine 5 Sinne ordentlich funktionieren. Man könnte den Alltag nicht meistern, wenn man immer und an allem zweifeln würde. Sich nicht darauf verlassen würde, dass das was ich sehe und höre wirklich so ist, wie ich es wahrnehme. Allerdings, wenn ich ein bisschen genauer nachdenke, wird schnell klar, dass es mit der Verlässlichkeit unserer Wahrnehmung nicht so weit her ist.
Jeder Polizist kann ein Lied davon singen, wenn er einen Unfall aufnimmt. 5 Zeugen, und jeder hat den Unfall anders gesehen. Ist wahr, was wir wahrnehmen? Zweifel sind angebracht. Unser Blickwinkel ist begrenzt. Zu viel passiert, in zu kurzer Zeit, als dass wir alles genau wahrnehmen könnten.
Und manchmal kommen dann auch noch Vorurteile und Interessen hinzu, die die Wahrnehmung prägen. Mehr noch, sie trüben.
War es Elfmeter? „Klar“. Was für die Fans des Gefoulten völlig unzweifelhaft ist, ist für die anderen schlicht eine „Schwalbe,“ ein Versuch, die Wahrnehmung des Schiedsrichters zu täuschen. Wie oft sehe ich die Welt, wie ich glaube, dass sie ist, manchmal sogar so, wie ich will, dass sie ist. Dann sind Zweifel an meiner Wahrnehmung erst recht angebracht.
Und nun? Eigentlich klingt es banal. Trotzdem, man muss es sich immer wieder in Erinnerung rufen. Wir brauchen die Wahrnehmung der anderen, um verlässlicher wahrzunehmen. Nicht umsonst befragt ein Polizist mehrere Zeugen und der Schiedsrichter im Stadion seine Assistenten. Und sogar dann belegt oft die Kamera von außerhalb des Spielfeldes, dass auch ihre neutrale Wahrnehmung falsch war.
Trotzdem, es stimmt: Es braucht die Wahrnehmung der anderen. Den Blickwinkel von oben, von außen, von unten. Die andere Perspektive. Das andere Urteil. Und vor allem braucht es meinen Zweifel, der den anderen fragt: „Wie siehst du das?“
Misstrauen ist angebracht, wenn Leute behaupten, sie wüssten genau, wie es sich mit der Wirklichkeit verhält oder sogar mit der Wahrheit. Seien es Wissenschaftler, Journalisten, Politiker oder Theologen.
Ist wahr, was wir wahrnehmen? Menschliches Erkennen bleibt bruchstückhaft, „wir erkennen wie in einem trüben Spiegel“, schreibt der Apostel Paulus. Menschliche Sinne und Methoden reichen nicht, umfassend wirklich wahr-zu-nehmen. Das ist wahr und gut, wenn wir das beherzigen. Weil es uns offen hält für andere Menschen und neugierig, neu wahrzunehmen. Eines allerdings können Sie und ich dabei bestimmt für wahr nehmen: Gott nimmt uns liebevoll wahr, gerade so begrenzt, wie wir sind. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4888