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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Am liebsten würd ich einfach mal eine Minute schweigen, jetzt und hier im Radio. Geht na-türlich nicht, tue ich auch nicht. Aber so ein, zwei Minuten Stille: Die wünsche ich Ihnen und mir immer mal wieder. Weil sie so unglaublich gut tun können. Es ist ja schon merkwürdig: Da beschweren sich fast alle über zu viel Lärm und zu viel Hektik in unserer Zeit. Stöhnen über Stress, über Dauergedröhne auf der Straße, in der Firma, in den Geschäften. Aber ein-fach mal den Lärm für kurze Zeit ausknipsen: Das tun wir denn doch nicht. Dabei könnten wir es ja oft, wenn wir wirklich wollten – und, ok, wenn vielleicht nicht gerade ganz kleine Kin-der um uns herum sind: Ruhepausen, Stillschweigen einlegen.
Ein, zwei Minuten Stille: Die bringen mir immer wieder erstaunlich viel. Ich gönne sie mir ab und zu, zugegebenermaßen: auch viel zu selten. Morgens zum Beispiel, bevor ich in den Tag starte, oder abends, zwischen Nachhausekommen und Tagesschau, wenn ich eh k.o. vom Tag bin. Oder sogar auch mal mitten am Tag im Büro, gerade wenn die Hektik besonders schlimm wird. Dann schalte ich alle Geräte aus, mache die Tür hinter mir zu, zünde vielleicht sogar eine Kerze an. Für einen Moment will ich nichts hören und sehen, nichts tun. Und es ist, als würde ich dem ganzen Körper Kurzurlaub gönne: Die Ohren entspannen sich, alle Sinne kommen zur Ruhe. Und ich kann mich selbst ganz anders wahrnehmen. Plötzlich fühl ich meinen Atem. Und ich werde innerlich entspannter, irgendwie sanfter. Die Stille ist etwas ungemein Wertvolles. Und ich denke: auch etwas Göttliches. Denn den lieben Gott kann ich auch besonders gut hören, wenn es still wird.

Hanns Dieter Hüsch, der große Kabarettist, hat einmal ein wunderbares Gedicht über die Stil-le geschrieben, das beginnt so:

„Erst mit der Stille fängt die Seele an zu
Schreiben
Und lässt uns sanft und sicher werden
Und sorgt dafür, dass unsre Augen milde bleiben.“


(aus: Das Schwere leicht gesagt. Freiburg 1994, S. 44)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4794