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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Wenn ich vom Süden her mit dem Zug über die Eisenbahnbrücke nach Mainz hineinfahre, dann stelle ich mir manchmal vor, wie die Stadt wohl aussähe, wenn es diesen 9. November 1938 nicht gegeben hätte. Da steht der katholische Dom, ganz links, romanisch und altehr-würdig. Dann, in der Mitte, die evangelische Christuskirche. Und ganz rechts, in der Neustadt, stünde die jüdische Synagoge, 25 Meter hoch ihre Kuppel. Über 1000 Sitzplätze fanden sich darunter. Eine Stadtsilhouette mit drei imposanten Gotteshäusern: So könnte Mainz heute aussehen. Die Bischofsstadt, die zugleich einer der drei großen jüdischen Städte am Rhein war.
Aber so sieht Mainz heute nicht aus. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die jüdische Hauptsynagoge von den Nazis ausgeplündert und niedergebrannt, die Kuppel gesprengt. So wie Synagogen in ganz Rheinland-Pfalz und in ganz Deutschland. Kommende Woche sind es 70 Jahre, seit das passiert ist. Natürlich wurden nicht nur jüdische Gebäude vernichtet. Menschen wurden verprügelt und verhaftet. Sechs Millionen Juden wurden in Eu-ropa in den Jahren nach der Reichspogromnacht ermordet. Mich packt Scham und Wehmut, wenn ich mir immer wieder klar mache: Nicht irgendwo weit weg ist das passiert. Sondern auch in den Straßen, in denen ich heute wohne und mich zuhause fühle. Nicht nur die Stadt-silhouette sähe anders aus, wenn es die Pogrome nicht gegeben hätte. Wie viel jüdisches Le-ben gäbe es in meiner Stadt! Ein bisschen kehrt es mittlerweile zurück, auch eine große neue Synagoge wird neu gebaut. Aber natürlich: Nichts von damals kann man deswegen vergessen.
Ich will mich in dieser Woche bis zum 9. November immer wieder erinnern. Und ich will das auch ganz bewusst an bestimmten Orten und mit anderen Menschen tun. Ich werde dorthin gehen, wo die große Synagoge stand. Und ich werde in die Kirche St. Stephan gehen, wo die Fenster von Marc Chagall jüdische und christliche Tradition miteinander verbinden. Einen Gedenkort gibt es dort in den nächsten zwei Wochen, ich will mit anderen dort beten und Kerzen anzünden. Und mich daran erinnern, was damals in meiner Stadt geschah.
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