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SWR2 Wort zum Tag

„Sie werden meine Scheu verstehen, davon zu berichten. Es war ja so lächerlich wenig, was man tat und tun konnte.“ Die ehemalige Pfarrerin Margarete Hoffer hielt sich zurück mit ihren Lebenserinnerungen, wenn das Gespräch auf die Zeit des Nationalsozialismus kam. Sie hatte nichts zu verbergen, nichts schön zu reden. Aber in ihr blieb der Gedanke lebendig, man hätte gegen die Verfolgung der Juden lauter schreien müssen. Dabei ge-hörte sie selbst keineswegs zu denen, die geschwiegen haben – ganz im Gegenteil.
Margarete Hoffer, Jahrgang 1906, stammte aus Österreich. In Kiel, Tübingen und Wien studierte sie Theologie – aus Überzeugung. Es war ihr durchaus klar, dass es damals für Frauen im Pfarrdienst keinen Platz gab. Nach dem Examen erteilte sie Religionsunterricht an Wiener Mädchenschulen. Schon damals unterstützte sie Schülerinnen jüdischer Her-kunft, die von der Schule verwiesen wurden. Über Jahre hinweg pflegte sie Kontakt zu ih-nen, schickte ihnen regelmäßig Geld und Sachspenden. Nach dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland kam sie nach Württemberg. Nun, wo die Männer, auch die Pfarrer, im Krieg sind, werden auf einmal Frauen für die Aufgaben in den Kirchengemeinden benö-tigt und man hat Platz für sie, auch auf den Kanzeln – welch eine Doppelmoral!
Im Februar 1941 wurde Margarete Hoffer in die Johannesgemeinde nach Schwenningen entsandt. Dort war sie schnell mit dem Schicksal jüdischer Flüchtlinge konfrontiert. Viele kamen nach Schwenningen, um von dort aus die Schweiz zu erreichen. Margarete Hoffer übernahm den Kurierdienst. Sie hatte Informationen über freie Quartiere entgegenzu-nehmen und weiterzugeben, wo flüchtige Juden vorübergehend versteckt werden konn-ten. Aus Sicherheitsgründen musste alles mündlich geschehen. Teilweise begleitete sie auch selbst verfolgte Juden auf ihrem Weg an die scharf bewachte Grenze.
„Das, was mich im Zusammenleben mit diesen gejagten Menschen am meisten belastete, war nicht die ständige, in Schwenningen damals nicht sehr begründete Angst vor Entde-ckung“, sagt Margarete Hoffer rückblickend, „auch nicht die Mühe mit dem Besorgen der täglich notwendigen Nahrung oder der Quartiere. Was mich am meisten belastete, war das Mitspüren ihrer ununterbrochenen Anspannung und Angst – und die Scham, teilzuha-ben an dieser entsetzlichen Schuld, die da geschah, an diesem schweigenden Zuschauen des Volkes bei der millionenfachen Kreuzigung des Juden Jesus.“
Als Heldin hat sich Margarete Hoffer nie gesehen. Sie hat getan, was ihr christliches Ge-wissen ihr aufgab zu tun. Und dieses Gewissen urteilte sensibel, wachsam und scharf.

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