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SWR2 Wort zum Tag

Wer Recht hat, verzichtet. Ob man mit so einer Empfehlung wirklich weiter kommt im Leben? In der Bibel wird von einem Rechtsspruch erzählt, der auf dieser Grundlage zu einem Urteil kommt, das geradezu sprichwörtlich geworden ist: das salomonische Urteil.
(1. Kön. 3,16-28).

Im biblischen Bericht über König Salomo wird erzählt: Zwei Frauen kommen vor den König, sie haben ein Kind dabei. Sie tragen ihren Fall vor: Jede behauptet, dieses Kind sei ihres. Im selben Haus lebend, haben beide in der Nacht einen kleinen Sohn geboren. Der eine stirbt noch in der gleichen Nacht. Die Frau, deren Kind tot ist, tauscht die beiden Kinder aus. Wie soll der König herausfinden, wer die Mutter ist? Beide könnten Recht haben. König Salomo lässt ein Schwert bringen und gibt den Befehl, das noch lebende Kind zu teilen und jeder Frau die Hälfte zu geben. Da überwältigt Liebe das Herz der Mutter des Kindes und sie sagt: Lasst das Kind lebendig, gebt es ihr. Die andere aber stimmt dem König und seinem Vorschlag zu, das Kind mit dem Schwert aufzuteilen. Daraufhin widerruft der König seinen Befehl und gibt das Kind der Frau zurück, die sich durch ihren Verzicht auf Recht und Besitz an dem Kind als seine Mutter erwiesen hat.

Ein kluger Weg, sich ein Urteil zu bilden. Denn diese Art, der Wahrheit zum Recht zu verhelfen, fordert eine Entscheidung der Klägerinnen heraus, nimmt sie in die Verantwortung. Ein salomonisches Urteil ist kein Kompromiss, bei dem jede soviel Recht bekommt, wie es gerade noch verträglich ist. Sondern diejenige bekommt Recht, die sich entscheidet, um des Lebens willen darauf zu verzichten. Dadurch kommt die Wahrheit ans Licht.

Wer verzichtet, hat Recht. Das Leben des Anderen, des Kindes in diesem Fall, hat den Vorrang. Es hat den Vorrang vor allem Rechthaben, vor allem Besitzdenken, vor allem eigenen Wollen und Begehren. Der weise König Salomo provoziert diese Entscheidung zum Verzicht und baut dann darauf sein Urteil.

Diese Erzählung macht deutlich: Frieden, Wohlergehen, Gerechtigkeit haben etwas mit Verzicht zu tun. Kann das auch heute noch gelten? Ich meine schon: Frieden und Gerechtigkeit haben damit zu tun, dass Menschen Prioritäten setzen, die das Leben und die Rechte des jeweils Anderen achten. Dass sie auf Ansprüche und ihnen Zustehendes verzichten, dass sie bereit sind, etwas herzugeben, wenn es dem Leben und dem Frieden für alle dient. Gut, wenn es Leute in verantwortlichen Positionen gibt, die so klug und weise sind, das zu erkennen.
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