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SWR4 Sonntagsgedanken

„Kinder sind auf der Welt, um glücklich zu sein.“ Wer möchte diesem Wunsch nicht zustimmen? Doch die Realität ist oft nicht so, wie wir sie Kindern wünschen.

Teil I

Kinder sind ein Schatz. Manchmal anstrengend. Oft ansteckend fröhlich. Mit ihrem Schreien und Lachen, Weinen und Rufen. Es macht Spaß, gemeinsam mit ihnen die Welt neu zu entdecken. Sarah sagt über ihren kleinen Bruder, der noch im Wagen liegt: „Er hat noch so unabgelaufene Füße.“ Ja, so sehen sie tatsächlich aus, diese kleinen Fußsohlen. Noch ganz unbenutzt. Wer weiß, auf welchem Boden sie im Laufe der Jahre stehen werden. Welche Wege werden diese Füße noch alles zurücklegen! Natürlich wünschen wir dem kleinen Menschen alles Glück der Welt. Doch wir müssen auch erkennen, dass unsere Gesellschaft nicht gerade kinderfreundlich ist. Sie werden Beispiele dafür kennen, genau wie ich. Manche Paare wollen deshalb gar keine Kinder mehr aufziehen. Sie meinen: „Das ist zu schwierig in unserem Land. Kinder sind hier nicht erwünscht.“ Schade!

Eigentlich ist es nicht so schwer, Kinder glücklich zu machen. Wenn man sie fragt, oder ein Bild malen lässt, dann erzählen sie von einem Spielplatz voller Kinder. Sie malen ein Haus mit rauchendem Schornstein, mit Garten, in dem Blumen blühen. Im Garten spielen sie mit Vater und Mutter und ihren Geschwistern. Sie möchten nicht allein sein, heißt das. Sie wünschen sich andere Kinder und Erwachsene, die mit ihnen leben.

Natürlich ist es manchmal anstrengend mit diesen lauten, quirligen kleinen Wesen. Aber sie und ihre Eltern brauchen unsere Unterstützung. Zum Beispiel ein freundliches Lächeln, wenn im Bus einer schreit als würde die Welt untergehen. Oder eine große Portion Verständnis, wenn auf dem Gehweg ein Kind mit dem Roller angesaust kommt und wir ausweichen müssen.

Außerdem gibt es wirtschaftliche Bedingungen in unserer Gesellschaft, die das Leben für Familien schwer machen. Auch da müssen wir hinschauen und Veränderungen anmahnen. Schon zu biblischen Zeiten waren die Lebensbedingungen für Kinder nicht immer gut. In den Klage-liedern heißt es: „Dem Säugling klebt vor Durst die Zunge an seinem Gaumen; die kleinen Kinder verlangen nach Brot und niemand ist da, der’s ihnen gibt.“ Ich will gar nicht an solche furchtbaren Situationen denken, in denen es tatsächlich so schlimm ist. Mir reicht der Blick auf Olaf, der nie ein Frühstück dabei hat. Mir reicht es zu wissen, das Johannas Mutter jeden Monat nicht weiß, wie sie über die Runden kom-men soll. Mir reicht, dass in Deutschland nur ganz wenige arme Kinder später eine Universität besuchen werden. Hier muss sich konkret etwas ändern. Und wir wollen in diese dunklen Situationen Hoffnung tragen!

Kinder sind auf unsere Hilfe und Unterstützung angewiesen. Vor allem brauchen sie aber Bedingungen, in denen sie sich frei entfalten und fröhlich wachsen können. Dazu muss unser Staat den nötigen Rahmen schaffen, gerade auch für arme Familien. Und dazu können wir alle in unserem privaten Umfeld beitragen! Wenn wir wollen, dass Kinder glücklich sind, müssen wir freundlich mit ihnen umgehen!

Teil II
Sie und ich, was können wir tun, damit Kinder in unseren Städten und Dörfern glücklich leben können? Ich finde drei Schritte besonders wichtig:
Mein erster Schritt heißt: Kinder brauchen Zeit, um glücklich zu sein.
Wer hat schon Zeit für Kinder? Politikerinnen, Väter, Lehrerinnen – Du und ich: haben wir Zeit für Kinder? Oder sagen wir: „Ich habe gerade Wichtigeres zu tun.“? Unser Sohn schob mir einmal, als er noch klein war, ein Blatt unter der Tür hindurch ins Arbeitszimmer. Ich hatte die Tür verschlossen, weil ich eben Wichtiges zu tun hatte. Als ich seine Malerei auf dem Blatt Papier sah, musste ich schmunzeln. Und heute lachen wir gemeinsam über diese Geschichte.

Kinder haben oft ihren eigenen Rhythmus. Und der passt selten in unsere vollen Kalender. Vielleicht können wir ja von den Kindern lernen, dass sich nicht alles um Termine dreht. Wie wäre es, spontan etwas ausfallen zu lassen und dafür gemeinsam Fußball zu spielen? Oder am Wochenende wirklich gemeinsam etwas zu unternehmen, statt dass jeder seins macht?

Mein zweiter Schritt heißt: Kinder brauchen Raum, um glücklich zu sein.
Nur in Freiräumen können sich Kinder entfalten. Sie alle haben ihre ganz eigene Persönlichkeit. Ihre je eigenen Gaben und Wünsche. Ihre Ängste und Möglichkeiten. Manchmal ist es anstrengend, Kinder als Personen ernst zu nehmen. Denn Sarah hat einen ausgeprägten Dickkopf. Und Olaf kann ziemlich ruppig sein. Aber wo wir Kinder einzwängen oder unter eine Norm stellen, verhindern wir ihre Entwicklung.

Zu den Freiräume, die Kinder brauchen, gehören auch ganz konkrete Orte. Im sozialen Brennpunkt einer Stadt tun sich Rentner zusammen und reparieren den Spielplatz. In einem Dorf werden Menschen gesucht, die ehrenamtlich bei der Hausaufgabenhilfe mitarbeiten. Manche Kirchengemeinde fragt sich, wie sie noch mehr für Kinder tun kann. Glück kann sich am besten entfalten, wo wir dafür Orte schaffen.

Mein dritter Schritt heißt: Kinder brauchen Zuwendung, um glücklich zu sein. Jeder Mensch wird dadurch geprägt, wie andere mit ihm umgehen. Kinder erfahren die Welt so, wie wir ihnen begegnen. Mit Wärme und Zuneigung. Oder schroff, wenn wir ihnen die kalte Schulter zeigen. Kinder spüren, dass sie willkommen sind, wenn ich mit ihnen lache oder sie in den Arm nehme. Fast noch wichtiger ist, sie dann zu stützen, wenn sie Schwierigkeiten haben.

Wenn wir ihnen Raum geben, sich zu entwickeln. Und Zuwendung, damit sie unsere Erde als Ort der Geborgenheit erleben. Wenn wir uns für sie Zeit nehmen. Dann wird die Zuversicht und das Selbstvertrauen unserer Kinder gestärkt. Dann können sie sich froh auf den Weg in die Zukunft machen. Wir wissen nicht, wohin sie auf ihren noch ganz unabgelaufenen Sohlen gehen werden. Aber wir wissen, dass sie auf jeden Fall unsere Unterstützung brauchen. Denn Kinder sind auf der Welt, um glücklich zu sein. Auf dass sie alle erfahren: Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! (Psalm 36,8)

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag – mit Zuversicht für Sie selbst und für die Kinder, die Ihnen begegnen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4702