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SWR3 Gedanken

Beten ist wie Fotografieren. Ja, ich glaube, dieses Gleichnis passt:
Beten ist wie Fotografieren. Und das gilt für den schnellen Schnappschuss genauso wie für das sorgfältig gestaltete Kunstfoto.
Denn eigentlich sind spontane Schnappschüsse ja nichts anderes
als schnelle Stoßgebete: Sie halten einen Augenblick fest –
wortwörtlich einen Augenblick –, der irgendwie etwas besonders ist.
Und genau das ist Beten: besondere Augenblicke des Lebens festhalten,
um sie noch einmal genau anzuschauen – zusammen mit Gott.
Beten ist wie frommes Fotografieren: Noch deutlicher wird das,
wenn ich mir mit einem Bild besonders viel Mühe gebe.
Für solche Bilder bin ich gern allein – oder zusammen mit jemand,
der auch fotografiert. Beim Beten kann man keine Zuschauer gebrauchen.
Und für solche Gebete brauche ich auch keine Worte, sondern nur meine Kamera. Ich bete mit Blendenzahl und Belichtungszeit und Tiefenschärfe –
bis ich mein Bild gefunden habe – zum Beispiel von einem Baum.
Manchmal muss ich lange probieren, bis ich zufrieden bin –
und andere finden das Bild dann vielleicht doch ganz schrecklich.
Als ob es beim Beten ein richtig oder falsch geben könnte.
Es ist doch klar, dass da jeder und jede den eigenen Stil finden muss.
Selbst wenn ich mir noch so viel Mühe gebe für das perfekte Baumbild:
Es ist eben doch nur ein Bild. Aber es ist eben mein Bild.
Und jemand anderes macht sich ein eigenes Bild von diesem Baum.
Und in ein paar Jahren wird dieser Baum schon wieder anders aussehen
als auf meinem Foto – und ich werde ihn wieder neu fotografieren müssen.
Beten ist wie Fotografieren. Denken Sie daran beim nächsten Bild!
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