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SWR2 Wort zum Tag

Vor einiger Zeit bin ich auf folgenden Satz gestoßen: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Vorwärts leben, rückwärts verstehen – für mich hat das etwas mit dem Erntedank zu tun, den Christen und viele andere in diesem Monat feiern. Beim Erntedank muss es ja nicht nur um landwirtschaftliche Produkte gehen. Es geht zum Beispiel auch darum, dass ich im steten Vorantreiben des Lebens innehalte und mich nach dem Ertrag, nach der Ernte frage. Dass ich versuche zu verstehen. Und vielleicht auch darüber nachdenke, dass so vieles gar nicht selbstverständlich ist, sondern Grund zum Danken. Vielleicht sind Sie jetzt verwundert: So etwas überlegt man doch nur an wichtigen Schnittpunkten im Leben, etwa wenn man umzieht oder pensioniert wird. Gegenfrage: Ist nicht jeder Augenblick des Lebens ein Schnittpunkt, in dem die Zukunft übergeht in die Vergangenheit? In dem das, was auf mich zukommt, übergeht in das, was hinter mir liegt – mit allem, was geschehen ist? Schnittpunkte, an denen ich Ertrag und Sinn zu verstehen suche – gibt es die nicht ständig?
„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Vorwärts und rückwärts – beides überschaue ich oft nicht. Was auf mich zukommt, habe ich nicht im Griff, auch wenn ich es häufig meine. Es ist offen - offen für viele Chancen, für große Hoffnungen, offen auch für manches, was ängstigt. Und was hinter mir liegt, ist unwiderruflich, es gehört zu mir. Trotzdem könnte ich auch nicht sagen, dass ich alles durchschaue und verstehe, was bereits geschehen ist, was ich getan habe, was ich unterlassen und versäumt habe. Manches liegt klar vor Augen, und es ist sicher viel Gutes dabei, Liebe, Erfolg, geschenktes Glück. Für manches schäme ich mich, anderes macht mich bitter. Und manches bleibt zwiespältig. So sieht der Ertrag, die Ernte aus. Man könnte dies auch Erfahrung nennen – Lebenserfahrung. Lebenserfahrung bedeutet auch, dass ich mit vielen offenen Fragen leben muss. Vorwärts und rückwärts.
Schlägt jetzt also der Dank in Skepsis um? Nein, das glaube ich nicht. Wer sich ehrlich mit offenen Fragen begnügt, versteht vielleicht mehr und ist auch dankbarer als jemand, der angeblich genau Bescheid weiß.. Unser Leben ist ein Geheimnis; dies ist das Größte und Dankenswerteste, was wir darüber sagen können. „Lebe jetzt die Fragen“, sagt Rainer Maria Rilke einmal, „vielleicht lebst du dann allmählich ohne es zu merken eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ Ob er damit den Tag meint, an dem der Sinn unseres Lebens vor Gott offen liegt? Den großen Erntedank, der uns verheißen ist?
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