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SWR2 Wort zum Tag

„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Der Staatsgründer Israels David Ben Gurion soll diesen Satz gesagt haben. In den letzten Tagen haben viele ihn wieder zitiert, als Papst Benedikt XVI in Lourdes war. Seit 150 Jahren zieht dieser Ort in den französischen Pyrenäen Menschen an, Gesunde und vor allem auch viele Kranke. Sie beten an der Grotte, in der Maria, die Mutter Jesu, dem Hirtenmädchen Bernadette erschienen sein soll, sie entzünden Kerzen, gehen am Abend in einer Lichterprozession singend durch den Ort, sie trinken von dem Wasser, dem heilende Kräfte zugeschrieben werden, oder waschen sich damit. Die Wenigsten sind anschließend von ihrer Krankheit befreit. Dennoch übt Lourdes eine große Anziehungskraft aus, dennoch erzählen viele Menschen, dass sie verändert nach Hause kommen, getröstet, gestärkt, in gewissem Sinne auch geheilt. Es gibt ja nicht nur das Heilwerden, wenn der Körper wieder zum alten, gesunden Zustand zurückkehrt.
Heilung geschieht auch, wenn wir leben lernen mit Einschränkungen, mit chronischen Erkrankungen oder mit dem Schwächerwerden insgesamt. Wenn jemand sich bei einer Krankheit früh im Leben oder im Alter neu orientiert, vielleicht sogar neu einen Sinn findet für das eigene Leben, unter veränderten Umständen. Manche sprechen auch noch von Heilung, wenn der Tod näherrückt. Heilen heißt dann: den Tod akzeptieren und akzeptieren, dass wir endliche Menschen sind. Dazu gehört zum Beispiel ein anderes Verhältnis zur Zeit: Leben im Augenblick, in kurzen Zeiträumen, schöne Momente genießen können; dazu gehört es, Trost und Pflege anzunehmen und Beziehungen vielleicht noch einmal zu verändern, die Beziehungen zu Menschen und vielleicht auch die Beziehung zu Gott.
Offenbar ist Lourdes ein Ort, an dem für viele Menschen diese Art von Heilung möglich ist. Sie erleben sich ernst genommen und angenommen mit ihrer Krankheit. Sie erleben Menschen, die wie sie krank sind und hoffen und um Lebensqualität kämpfen. Sie begegnen in Maria der mütterlichen Seite Gottes, und in Jesus dem mitleidenden Gott. Nur für ganz wenige geschieht das Wunder, dass sie im medizinischen Sinn gesund werden. Mit Krankheit und Schwäche vertrauensvoll leben können ist aber vielleicht ein noch größeres Wunder. Ein Wunder für Realisten https://www.kirche-im-swr.de/?m=4487