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SWR4 Abendgedanken RP

Ein Unfall, eine bedrohliche Erkrankung ein unerwarteter Tod –
all das kann ein geordnetes Leben völlig aus der Spur bringen.
Als Pfarrer begegne ich immer wieder Menschen, denen das passiert ist.

Wie kann man mit Schicksalsschlägen umgehen?
Wie mit so unabänderlich erscheinenden Situationen zurechtkommen?


Teil I
„Womit habe ich das verdient?“
Als Pfarrer werde ich manchmal so gefragt,
etwa bei einem Krankenbesuch.
Da hat jemand immer ordentlich und gesund gelebt.
Und auf einmal fängt ein Tumor zu wachsen an,
oder es kommt ein Herzinfarkt.
Und nichts ist mehr wie es vorher einmal war.

Manchmal wird die Frage nicht direkt gestellt,
sondern kaum hörbar,
versteckt in einer unglücklich gelaufenen Lebensgeschichte,
die mir jemand erzählt.
Warum passiert so etwas gerade mir?!

Was soll ich da antworten?
Gibt es überhaupt eine Antwort darauf?

In der Bibel, im Neuen Testament, finde ich die Spur einer Antwort.

Als Jesus einmal mit seinen Jüngern unterwegs ist, sehen sie am Straßenrand einen Bettler sitzen. Der ist von Geburt an blind. Da fragen seine Jünger:
„Meister, wer ist schuld daran,
er oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“
Da antwortet Jesus:
„Weder er noch seine Eltern sind schuld daran.
Sondern: es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm“. (nach Joh 9,1-3)


Warum ist das gerade mir passiert?
Wer ist schuld?
Was haben wir falsch gemacht?
Jesus macht beim Grübeln über diese Fragen nicht mit.
Etwa: Wenn ich damals dieses oder jenes unterlassen hätte,
dann wäre mir das, was mir zugestoßen ist, vielleicht erspart geblieben!
Oder:
Wenn die sich anders verhalten hätte, würde es ihr jetzt auch besser gehen!

Über das eigene Geschick
- oder auch über das Geschick anderer Leute - spekulieren,
das ist gefährlich.
Denn es nimmt die Energie, die Lebensfreude.
Es macht bitter und neidisch und auch ängstlich dem Leben gegenüber.

Denn man fordert damit ja unausgesprochen einen Ausgleich,
man will so etwas wie Gerechtigkeit,
die Waage soll wieder im Gleichgewicht pendeln:
Wenn du Schweres durchmachen musst,
hast du dann nicht endlich einmal ein bisschen Glück verdient?
Oder umgekehrt:
Wenn es mir wirklich gut geht und das schon eine Weile anhält,
muss ich da nicht mit einem Schicksalsschlag rechnen? Denn soviel Schönes habe ich doch gar nicht verdient!?

„Stimmt!“, sage ich, wir haben es nicht verdient.
Niemand kann es sich verdienen, dass sein Leben glücklich verläuft.
Es ist ein Geschenk.
Niemand kann es sich aber auch verdienen,
dass ihm ein Schicksalsschlag widerfährt.
Sicher,
es kann Verhaltensweisen geben, die ein Unglück befördern:
Wenn man ungesund gelebt hat oder allzu große Risiken eingegangen ist.
Doch selbst wenn man die Ursachen für eine unglückselige Situation kennt,
das hilft nicht, aus der Situation herauszukommen.
Ich muss nach vorne schauen!

So sieht Jesus das:
Nicht in dem herumstochern, was war.
Sondern Gott suchen in dem, was auf mich zukommt.

Ein Schicksalsschlag ist kein Zeichen dafür,
dass Gott sich aus deinem Leben verabschiedet hat.

Meister Eckehart, der mystische Theologe aus dem Mittelalter, hat einmal gesagt:

„Der Mensch soll sich in keiner Weise je als fern von Gott ansehen. Weder eines Gebrechens wegen noch wegen einer Schwäche, noch wegen irgendetwas sonst. Und wenn dich auch je irgendetwas so weit abbringen möge, dass du dich nicht als Gott nahe ansehen könntest, so solltest du doch Gott als dir nahe annehmen“
(Deutsche Predigten und Traktate, hg. von Josef Quint, München 1985, S. 77f)


Teil II
Unabänderlich – aber nicht aussichtslos!
Wie sollen wir mit den Dingen umgehen,
an denen wir nichts ändern können?

Menschen, die mit einem Schicksalsschlag leben müssen,
also mit etwas, was nicht zu ändern ist,
die brauchen genau das, was mit dem alten Wort „Trost“ gemeint ist.

Aber was tröstet jemanden, der im Rollstuhl sitzt?
Wie tröstet man jemanden, der seinen Partner verloren hat?

Aus dem Judentum ist eine alte Trauersitte überliefert,
die sicher nicht nur im Trauerfall beherzigenswert ist.
Daniel Steuben, ein aus dem Elsass stammender Jude,
berichtet in seinen Reiseerinnerungen von diesem Brauch
(Eine Reise zu den Juden auf dem Lande, Augsburg 1986, S. 71):



„Während der achttägigen Trauerzeit kommen Männer und Frauen der Gemeinde, um ihr Beileid auszusprechen. Man betritt die Wohnung, grüßt sich wortlos, holt sich einen Stuhl und setzt sich zu denen, die man trösten will. Man seufzt, um zu zeigen, dass man den Schmerz teilt. Doch spricht man nur mit den Angehörigen, wenn sie das Wort an einen richten. Dann aber darf man über nichts anderes als den Gegenstand ihres Kummers sprechen“.

Das ist Trösten.
Das Einfachste ist wohl das Schwerste in einer solchen Situation.
Trösten heißt nämlich zunächst und vor allem anderen:
Da sein!
In dem Augenblick da sein, wo man da sein muss.
Dem Anderen seine Zeit schenken.
Und in dieser Zeit ganz aufmerksam sich ihm widmen.

Jeder kennt Menschen, auf die man gewartet hat, dass sie Zeit für einen haben,
und sie waren nicht da.
Und andere, mit denen man nicht gerechnet hat,
die waren da. Das war tröstlich.

Trösten ist: etwas aushalten helfen.
Und dann braucht man auch nicht viel zu sagen.
Man soll sparsam sein mit Worten.
Aus Verlegenheit neigen wir ja manchmal dazu,
etwas zu sagen, damit eben etwas gesagt ist.

Auch von Gott braucht man da nichts zu sagen,
und trotzdem ist der dann ganz nahe.

Wenn ich einen Schicksalsschlag verkraften muss,
brauche ich etwas anderes als einen Ratschlag.
Ich brauche Lebenskraft, um tragen zu können, was nicht zu ändern ist.
Diese Kraft bekomme ich nicht, wenn ich mir anhöre, was andere mir zu raten wissen.

Wahrscheinlich, wenn überhaupt,
bekomme ich diese Kraft
- den Trost -
nur, wo andre Menschen mir weder etwas einreden noch ausreden wollen,
sondern mich mit dem, was nicht zu ändern ist, gelten lassen.
Und bei mir bleiben.

Teil III
Menschen, die mit einer unabänderlichen Lebenssituation zu Recht kommen müssen,
dürfen sich nicht verlieren im Grübeln über das, was geschehen ist.
In dem, was ihnen begegnen wird, liegt die Kraft.
Menschen, die ein Schicksalsschlag getroffen hat, brauchen keine Ratschläge.
Sie brauchen Trost.
Trost, um neue Lebenskräfte zu sammeln.

Doch wie kann man die wenige Kraft,
die man in so einer Situation noch hat,
sinnvoll einsetzen?

Wie viel Energie bietet manchmal jemand auf,
um etwas aus seiner Welt zu schaffen,
was man im Grunde nicht,
oder nicht mehr,
aus der Welt schaffen kann:
eine Erkrankung, die sich als chronisch herausgestellt hat;
eine Behinderung, die dauerhaft an den Rollstuhl fesselt;
der Verlust eines lieben Menschen, der nicht mehr zurückkehren wird.
Und an meinem Leben, wie es bisher verlaufen ist,
kann ich auch nichts mehr rückgängig machen..

Jedes Lebensgeschick hat ja etwas Besonderes.
Und da gehört auch das, was mir zu schaffen macht, hinzu.
Gerade auch das Schlimme, was mir zusetzt,
macht mich zu dem einen besonderen Menschen, der ich bin.
Und diese Besonderheit kann ich nicht loswerden.

Das ist nicht einfach zu verkraften.
Selbst Jesus hat mit seinem Schicksal gehadert.
Als ihm klar wird, dass er bald verhaftet werden soll,
ringt er mit seinem Schicksal.
Aber er fragt auch nach dem, was wohl sein Weg, was der Wille Gottes sein könnte. Als er im Garten Gethsemane sich in diesen Willen Gottes hinein ringt,
sagt er am Ende:
„Nicht wie ich will, sondern wie Du willst!“ (Matth.26.39).
So lernt er, anzunehmen, was ist. Und darin etwas Gutes und Sinnvolles für sich zu finden.
Das möchte ich auch lernen:
Die Energie, die ich am liebsten einsetzen möchte, um ein Kreuz abzuschütteln,
darauf verwenden, es zu tragen.

Und das wünsche ich auch Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer,
wenn Sie in diesen Tagen einen Schicksalsschlag zu verkraften haben.

In einem Lied von Paul Gerhardt heißt es:

Gib dich zufrieden und sei stille
in dem Gottes deines Lebens!
In ihm ruht aller Freuden Fülle,
ohn‘ ihn mühst du dich vergebens;
er ist dein Quell und deine Sonne,
scheint täglich hell zu deiner Wonne.
Gib dich zufrieden!
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