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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ich sitze mit vielen andern in einem Bus-Transfer. Am Ziel steigen alle eilig aus. Plötzlich wendet sich ein junger Mann an mich und zeigt mir eine schicke Sonnenbrille:
„Gehört die Ihnen?“
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß und deute auf die Sonnenbrille auf meinem Kopf.
„Haben Sie dann gesehen, wer auf dem Vierersitz saß, hinten?“
ich erinnere mich an eine Frau mit rosa Hut.
„Sehen sie die Frau da vorne, mit dem rosa Hut?“ sage ich zu ihm. „Wenn Sie sich beeilen, kriegen sie die noch ein.“
Der junge Mann läuft los, seine Freundin im Schlepptau. Sie haben Mühe, sich an den Menschenmassen vorbei zu drücken.

Später treffe ich ihn wieder. „Und, hat sie sich gefreut, die Frau?“ frage ich.
Er macht eine abwehrende Bewegung. „Nein“, sagt er. „Sie hatte die Brille absichtlich im Bus liegen lassen.“ Er lächelt bedauernd. „Und da gibt man sich einmal Mühe, sozial zu sein…“

Ja, manchmal verlieren die Menschen was mit Absicht.
Nicht nur eine Sonnenbrille, auch ihre Beziehung zu Gott.
„Wozu brauche ich eigentlich noch Gott?“ Sagen sie sich: „Mir geht´s doch auch so gut. Und die Kirche brauche ich sowieso nicht. Also, was soll´s?“
Und sie lassen ihre Beziehung zu Gott - wie die Frau im Bus - mit Absicht irgendwo liegen.

Ich weiß nicht, was die Leute wirklich bewegt, ihre Beziehung zu Gott abzulegen: Ob Enttäuschung, Gleichgültigkeit – wer kann das sagen?
Nur in einem bin ich mir sicher: Gott sind die Menschen trotzdem nicht egal.
Gott lässt sich nicht einfach ablegen wie eine gebrauchte Sonnenbrille. Er ist überhaupt nicht abhängig von unserem Verhalten.
Er ist da, ob wir es nun wollen oder nicht.

Und manchmal reift in dem einen oder anderen wieder eine Sehnsucht nach dem, was auf der Strecke geblieben ist.
Oder jemand läuft einem plötzlich hinterher und fragt, ob man da nicht was Wichtiges vergessen habe…
Und plötzlich erinnert man sich.
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