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SWR3 Gedanken

Die relativ junge Frau stand mit ihrem Rollstuhl vor einem viel zu hohen Bürgersteig. Dadurch dass ich in ihre Richtung ging, bekam ich mit, wie sie sich abmühte. Ich ging schneller, auf die Frau zu und fragte sie, ob ich ihr helfen dürfe. Sie reagierte ziemlich genervt, sah mich nur kurz an und sagte: “Das krieg ich schon hin - Danke.“ Total erstaunt über ihre Reaktion entschuldigte ich mich und ging weiter. Damit hatte ich nicht gerechnet. Als ich mich einige Schritte weiter noch mal nach ihr umsah, war sie ein Stück weiter gefahren und hatte es an einer anderen Stelle wirklich geschafft, hoch zu kommen. Ich hab’ noch viel darüber nachgedacht, warum hatte sie wohl mein Angebot, ihr zu helfen, so harsch abgelehnt hatte. Klar konnte ich mir vorstellen, dass sie genervt war, aber eigentlich hatte ich es ja nur gut gemeint. Nur: Was hilft ihr dieses „gut gemeint“? In dem konkreten Moment wäre ich vielleicht eine Hilfestellung gewesen, aber das nächste Hindernis wartet ja schon wieder irgendwo – und wer hilft dann? Wenn ich selbst im Rolli säße - mit meiner Ungeduld und dem Bedürfnis, dass immer alles schnell und effektiv gehen muss: Ich würde wahrscheinlich an vielen Stellen meines Lebens wirklich verzweifeln oder bitterböse werden. Immer noch wird ja an so vielen Stellen im öffentlichen Leben an solche banalen Dinge wie Rampen für Rollifahrer nicht oder abgesenkte Bürgersteige oder Türen, die breit genug sind gar nicht gedacht. Wie viele Restaurants sind z.B. für Rollstuhlfahrer gar nicht zu besuchen, weil die Toiletten im Keller liegen oder die Stühle so eng gestellt sind, dass kaum ein Durchkommen ist. Bei meinen ganzen Gedanken fiel mir ein Satz wieder ein, den ich irgendwann mal irgendwo gelesen hatte, bei dem es um Menschen mit Behinderungen ging. Dort hieß es: „Wir sind nicht behindert – wir werden behindert!“ Genau das hatte mir die junge Frau mit Ihrem Rolli und ihrer herben Antwort drastisch vor Augen geführt.
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