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SWR2 Wort zum Tag

Manchmal kommt man langsamer schneller ans Ziel. Das meinte jedenfalls der alemannische Dichter und Theologe Johann Peter Hebel in einer Geschichte, die er vor fast 200 Jahren aufgeschrieben hat.

Da geht ein Fußgänger auf der Straße Richtung Basel und sieht einen voll beladenen Wagen hinter sich her eilen: „Schaffe ich es noch vor Tores-schluss in die Stadt?“ fragt aufgeregt
der Fuhrmann des Gefährts.
„Schwerlich“, sagt der Fußgänger, „doch wenn ihr recht langsam fahrt, dann vielleicht.“
„Wie weit ist’s denn noch?“ „Noch zwei Stunden“. „Ei“, denkt der Fuhrmann, „was für eine einfältige Antwort. Wenn ich mit Langsamkeit in zwei Stunden hinkomme, dann zwinge ich’s
mit Geschwindigkeit in viel weniger.“
Also treibt er die Pferde an, dass die Steine davon fliegen und die Pferde die Eisen verlieren. Schließlich bricht sogar die Achse. Ergebnis: Der Fuhrmann muss im nächsten Dorf übernachten. An Basel ist für diesen Tag nicht mehr zu denken.
Der Fußgänger aber, den der Fuhrmann nach einer Stunde vor der Schmie-de erblickt, hebt den Zeigefinger: „Hab ich euch nicht gewarnt?“, sagt er, “ hab ich nicht gesagt: wenn ihr langsam fahrt!“

Manchmal kommt man langsamer schneller ans Ziel. Ich glaube, das ist der Grund dafür,
dass viele Menschen heute das Gehen in vielen Formen wiederentdecken: als Wandern, als Laufen oder als Pilgern. Es ist die Wiederentdeckung einer Geschwindigkeit nach menschlichem Maß. Gesund für den Körper, gut für den Geldbeutel und prima für das Klima!
Die Entdeckung der Langsamkeit erspart einem nicht nur manche durch Hektik und Stress verursachte Panne. Sie verhilft auch zu Entdeckungen, die im Hochgeschwindigkeitstempo unbemerkt bleiben würden.

Die biblische Schöpfungsgeschichte kennt dieses Moment der Entschleunigung. Sie endet mit der Feier der freien, von aller Geschäftigkeit frei gehaltenen Zeit. Vollendet, so heißt es in der Bibel, wird die Welt durch den siebten Tag, an dem Gott ruhte und die Menschen mit ihm
ruhen sollen.
Manchmal kommt man langsamer schneller ans Ziel. Dazu muss man die Rastplätze
ansteuern, die zum Pause machen einladen, ein Schattenplätzchen unter einem Baum, einen stillen Winkel im geschäftigen Getriebe, eine geöffnete Kirche.
Nicht hetzen, sondern immer wieder mal durchatmen. Ruhen wie Gott ruhte – das hilft, das gesteckte Ziel zu erreichen. Langsam, aber sicher!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4116