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SWR2 Wort zum Tag

Vor fast genau 125 Jahren, im Juli des Jahres 1883, wurde er in Prag geboren: Franz Kafka. Eine seiner kürzesten Geschichten ist mir seit meiner Schulzeit in Erinnerung geblieben.

Sie heißt „Der Aufbruch“:
„Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich frag-te ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts gehört.“
Beim Tore hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitest du, Herr?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich, „nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen“.
„Du hast keinen Eßvorrat mit“, sagte er. „Ich brauche keinen“, sagte ich, „die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Eßvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.“

Das ist kein Aufbruch zu einer Ferienreise. Hier geht es um die ungeheure Reise eines ganzen Lebens. Kafka war Jude. Als Jude kannte er die unge-heure Reise, mit der sich das Volk
Israel aufmachte auf den Weg aus der Sklaverei ins gelobte Land.
Der Weg aber führte durch die Wüste. Was man von den Fleischtöpfen Ägyptens an Proviant mitgebracht hatte, war irgendwann aufgezehrt. Auch die Lebensweisheiten, die man in gesicherter Umgebung erworben hatte, halfen nicht weiter.
Das Volk begann zu zweifeln und zu rebellieren. Hatte man sich nicht für den falschen Weg entschieden? Da ließ Gott seinem Volk Manna vom Himmel fallen. Es war eine Speise, die die Israeliten in der Wüste fanden. Das Besondere daran: man konnte sie nicht aufheben. Es gab nur soviel, dass es für einen Tag reichte.

„Die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme“, heißt es in Kafkas Geschichte. Das ist wahr. Ich bin an-gewiesen auf Menschen, die mir unterwegs begegnen. Auf das freundliche Wort genauso wie die hilfreiche Auskunft, wo es weitergeht. Ich bin an-gewiesen darauf, dass jemand mir mitteilt, was er hat, an Wissen, an Weis-heit, auch an Wasser und Brot. Ich bin angewiesen darauf, dass ein Engel am Weg steht, immer wieder einmal, der mich, wenn es eng wird, geleitet.
Dann kann ich losgehen. Ins Ungewisse, aber voller Vertrauen darauf, dass Gott mich finden lässt, was ich für diesen Tag brauche.
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