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SWR2 Wort zum Tag

Weihnachten feiern - ohne Kinder, ohne Enkel, ohne Familie?
Heiligabend öffentlich mit Anderen feiern? Kann das gut gehen?

Ich mag solche Weihnachtsfeiern mit Anderen, denen ihr Wohnzimmer am Heiligabend aus sehr verschiedenen Gründen einfach zu eng ist.
Meine Begeisterung ist nicht ganz neu. Mein Schlüsselerlebnis für den Heiligabend mit Anderen liegt schon lange zurück. Das war in Bad Mergentheim. Als Jugendlicher konnte, wer wollte, an Heiligabend den Durchwanderern und Wohnsitzlosen ins städtische Übernachtungsheim Geschenke bringen - im Auftrag der Kirchengemeinde. Mich reizte das – und zugleich war ich einigermaßen verlegen. Wie werden die das auffassen? Bedürftigen an Heiligabend etwas bringen, das bekommt leicht ein Geschmäckle von fürsorglicher Herablassung: „Sind wir nicht tolle Menschen, dass wir an euch Arme sogar an Heiligabend denken. Nun müsst ihr euch aber freuen...“
Aber alle diese Verlegenheiten waren wie im Nu verschwunden. Eine herzliche Begrüßung, ein Lied und dann wurde erzählt. Wer seid ihr, und was macht ihr? Wir Jugendliche lauschten den Erfahrenen von der Straße und die fragten uns aus, was wir als Schüler so treiben. Ohne Filter, von Herzen weg wurde erzählt – von den kleinen und großen Freuden und Katastrophen – nicht zuletzt an Weihnachten.

Seither bin ich auf den Geschmack gekommen – wie das sein kann – Weihnachten mit Menschen, die man noch nicht kennt – die öffentlich zusammen kommen.
Wir beginnen mit einem festlichen Essen. Dann ist Zeit für gegenseitiges kennen lernen: für eine Runde mit Rückblicken und Ausblicken. Und für Weihnachtslieder zum Klavier. Manchmal entsteht auch ein spontanes „Wunschkonzert“ – mit Instrumenten, die Einzelne mitbringen.

Egal ob mit Asylbewerbern, seelisch Belasteten oder Leuten, denen das Wohnzimmer an Heiligabend einfach zu eng ist, es ist nie ein Heiligabend der einsamen Herzen oder der Beklemmungen gewesen. Wo so viel gesungen, gelacht und mit den Augen gezwinkert wird – auch über eigene Kapriolen – wo so viel über Wünsche und Enttäuschungen ungezwungen erzählt werden kann - da leuchtet für mich das Licht der Weihnacht hell. Da werde ich das Gefühl nicht los: bei solchen Feiern entsteht so etwas wie eine Geistesverwandtschaft, eine neue Familie für eine Nacht – für die Heilige Nacht.

Wem also sein Wohnzimmer an Heiligabend zu eng wird - aus welchen Gründen auch immer – schauen Sie sich um - auch in ihrer Nähe gibt es bestimmt Menschen in Kirchengemeinden, die gerne mit Anderen feiern.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=411