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SWR3 Gedanken

Die meisten Bilder aus zweitausend Jahren Kunstgeschichte
zeigen ihn mit ausgestrecktem Zeigefinger -
und oft genug ist sein Finger überlang.
Denn das macht ihn eigentlich wichtig:
Dass er selbst ein einziger Hinweis gewesen ist.
Johannes hat er geheißen;
ein seltsamer Mensch, schon er selbst.
Lebt in der Wüste, fastet eigentlich immer,
weil es in der Wüste ja kaum was zu essen gibt.
Ist nur abgerissen bekleidet, im Kamelhaar-Kittel.
Aber am seltsamsten war, was er sich anmaßte:
Da behauptete einer, dass der Messias bald kommen wird,
der Retter der Welt, der Befreier seines Volkes Israel
von der römischen Besatzung, unter der das ganze Volk ächzte.
Einen gewissen Erfolg hat dieser Prophet in der Wüste offenbar gehabt.
Jedenfalls kamen viele Menschen zu ihm
und waren begeistert von seiner Botschaft –
sehr viele; sogar das religiöse Establishment wurde hellhörig.
Schickten ihre Leute, ließen ihn fragen,
ob er etwa selbst der Messias ist, also sozusagen inkognito.
Klar – da hätten sie ja ganz anders mit ihm rechnen müssen.
Aber Johannes in der Wüste war da ganz klar.
Ich habe nur die Aufgabe,
ihn anzukündigen. Ich will die Menschen vorbereiten
auf das große Ereignis. Damit sie seine Ankunft nicht verpassen.
Damit sie sich wirklich befreien lassen…
Der Mann hat Erfolg gehabt – aber er hat es mit dem Leben bezahlt.
Als er es wagte, den Landesfürsten zu kritisieren,
weil der es mit der Treue in der Ehe nicht so genau nahm,
ist er im Knast gelandet und ermordet worden.
Ich finde Johannes wichtig; und eigentlich ist er auch ein Vorbild.
Selbstbewusst sein und mich trotzdem selber nicht so wichtig nehmen;
ernsthaft arbeiten und leben – aber immer auch mit dem Hinweis darauf, dass ich nur von der Hoffnung lebe, nicht aus eigener Kraft:
Wenn ich davon doch ein kleines bisschen mehr selbst auch könnte!
Ich nehm’s mir mal vor – heute, am Johannis-Tag.
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