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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Und plötzlich guckst du bis zum lieben Gott.“
Aber es muss schon einiges passieren, bis das geschieht. Dem Fernsehkoch Horst Lichter zum Beispiel hat das Leben übel mitgespielt. Koch hat er gelernt, doch dann kommt einiges dazwischen. Herzinfarkte, Schlaganfälle, der Tod eines Kindes. Das Leben wird grau, auch das Kochen macht keinen Spaß mehr. Irgendwann stellt er sich die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Und plötzlich, ja da „guckt er bis zum lieben Gott.“
Ich weiß nicht, was das für eine Erfahrung ist, die er da gemacht hat, aber er krempelt sein ganzes Leben um. In dem Buch „Und plötzlich guckst du bis zum lieben Gott“ erzählt er davon. Man erfährt von seinen Schicksalsschlägen und davon, wie er sein „zweites Leben“ beginnt. Er kocht wieder, aber in seiner ganz eigenen Umgebung, seinen ganz eigenen Rezepten und mit ganz eigenem Rhythmus.
“Weil ich auf meinem alten Kohleofen alles allein mache, dauert es bis zum Hauptgang manchmal zwei Stunden“ erzählt er, „ ich nehme mir Zeit für die Gäste und wir haben Spaß.“ Für ihn geht es darum, das Leben zum Genuss zu machen. Und dazu gehört, wie kaum etwas anderes, der bewusste und gepflegte Umgang mit Kochen und Essen. Als Theologe und Christ fällt mir natürlich dabei das Bild vom Jenseits ein. Schon die alten Germanen dachten so: wenn einmal alle Last und Mühsal des Erdenlebens zu Ende sind, dann sitzen wir an Odins Tafel und lassen es uns gut gehen. Und Jesus vergleicht sein Reich Gottes mit einem himmlischen Hochzeitsmahl. Aber so lange muss man ja gar nicht warten. Genießen kann man auch schon vorher, hier und heute. Und man muss damit nicht warten, bis einem der Appetit am leben restlos vergangen ist. Man braucht auch kein Sternemenü dazu. Es reicht schon, die Pizza einmal selbst zu backen, zwei, drei Leute zum Essen einzuladen, vielleicht eine gute Flasche wein zu entkorken und dann zu genießen. „Wer nicht genießen kann, wird auf die Dauer ungenießbar.“ Wer sich diese alte Weisheit zu Herzen nimmt, gibt nicht nur dem Essen, sondern auch dem Leben eine neue Würze.


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