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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Sie habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen. Ich habe gedacht, sie sind tot.“. Den Satz hat er auf dem Wochenmarkt gehört, als er nach langer Krankheit endlich mal wieder raus konnte. Der alte Herr, der mir die Anekdote erzählt, muss lachen Dabei ist es das aber eigentlich gar nicht. Denn Wochen oder Monate lang ans Bett oder den Sessel gefesselt zu Hause sitzen zu müssen, das ist für viele fast „wie tot“. Zumal dann, wenn keine Angehörigen in der Nähe sind, die Kinder weit weg wohnen, Freunde und Bezugspersonen fehlen. Dann ist man „wie tot“, eingemauert in die eigenen vier Wände, eingesperrt ins Bett oder an den Rollstuhl.
Deshalb finde ich es toll, was ich jetzt von einer Initiative in Kaiserslautern gehört habe. Da gibt es das Projekt „Nachbarschaftshilfe“ der Ökumenischen Sozialstation. Acht Freiwillige nehmen daran teil und investieren einmal in der Woche etwas Zeit. Dann besuchen sie Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, lesen ihnen vor, unternehmen einen kleinen Ausflug mit ihnen, kochen Kaffee und sind einfach da. Die Mitarbeiter der Sozialstation können das selbst nicht, zu eng ist der Zeitrahmen, der ihnen zur Verfügung steht. Aber sie kommen in die Häuser und Wohnungen und sehen, wo Menschen in Gefahr sind „wie tot“ zu werden, in die Isolation abzurutschen. Dann können sie vorsichtig den Vorschlag machen, doch mal den Besuchsdienst zu schicken. Für viele ist das gar nicht so einfach. Zu groß ist oft die Angst, Fremde ins Haus zu lassen. Doch wer einmal die Nachbarschaftshilfe in Anspruch genommen hat, möchte sie nicht mehr missen. Für die Initiatoren ist das eine schöne Bestätigung und auch Ansporn, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Jeder ehrenamtliche Mitarbeiter bekommt eine Fortbildung, denn der Umgang mit älteren Menschen ist nicht einfach.
Einer der für mich schönsten Sätze, die Jesus zugesprochen werden, steht im Johannesevangelium: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Das, was der Besuchsdienst der ökumenischen Sozialstation macht, ist ein schönes Beispiel dafür, was das konkret bedeuten kann. Sie holen Menschen, die in Gefahr sind „wie tot“ leben zu müssen, ins Leben zurück. Indem sie sie einfach an ihrem Leben teilnehmen lassen. Leben in Fülle – nicht irgendwann, sondern hier und jetzt. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3956