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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Frag mich nach Jesus.“ Diesen Satz hat der alte Mann mit dem langen grauen Bart auf seinen kleinen Koffer geschrieben. Er hält ihn in Augenhöhe und trägt ihn lächelnd durch die ganze Straßenbahn. Er hofft offensichtlich, dass jemand seine Einladung annimmt: „Frag mich nach Jesus“. Die meisten Fahrgäste wenden sich nach einem kurzen Blick ab und schauen ins Leere. Mich ärgert der Mann. Erstens ist mir die Aufforderung zu persönlich, zweitens habe ich in der Straßenbahn keine Lust auf religiöse Gespräche und drittens ist die Sache mit dem Koffer ein-fach nur peinlich.
Gleichzeitig macht mich der selbsternannte Missionar unruhig. Trotz der merkwürdigen Form flößt mir sein Mut Respekt ein. Ich fände es riskant, selbst durch die Straßen zu laufen und Wildfremde aufzufordern „Frag mich nach Jesus“. Ich bin mir nicht sicher, ob ich auf die Fragen der Leute vernünftige Antworten hätte. Könnte ich konkret, präzise und glaubwürdig antworten, wenn man mich fragt: Was bedeutet Jesus für Dich? Warum ziehst Du ihn anderen Heilslehrern vor? Worauf stützt Du Deine Hoffnung?
Aber als Christ darf ich mich solchen Fragen nicht einfach entziehen: Die Bibel mahnt: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt!“ Dabei geht es nicht um eine Art religiöses Quiz oder um Prüfungsfragen. Es geht auch nicht um den, der gefragt wird. Es geht allein um den, der fragt. Der vielleicht gerade jetzt eine Orien-tierung, eine Hilfe braucht oder einfach nur offen ist für die Hoffnung, auf die er eventuell sein Leben gründen könnte. Schlimm, wenn man dann als Christ nichts zu sagen hat. Selbst wenn man fest im christlichen Glauben steht und die Glaubensinhalte für sich selbst klar hat, kann es schwer fallen, allgemein verständlich oder gar überzeugend darüber zu sprechen.
Überraschende Fragen können auch überzeugte Christen kalt erwischen. Man müsste im Ge-spräch sein, geübt sein, damit man fit ist, wenn die Rede darauf kommt. Aber mit wem soll man das üben? Es müsste Leute geben, die sich dafür anbieten. Die sagen: Frag mich doch mal nach Jesus, mal sehen, wie weit wir in diesem Gespräch kommen.
Der alte Mann mit dem Koffer zeigt auf skurrile Art, was viele Christinnen und Christen tun müssten: Bereit sein für die Frage nach Jesus. Und wenigstens stillschweigend anbieten: Frag mich nach Jesus. Nicht nur in der Straßenbahn, sondern zum Beispiel in den Gemeinden, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis. Dann brauchte der Alte nicht mehr auf seinen Koffer zu schreiben: Frag mich nach Jesus.
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