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SWR2 Wort zum Tag

Das griechische Wort ‚Psalm’ bedeutet zunächst einfach Lied, religiöses Lied. Dichtung, Gebete sind die Psalmen. „Sie spiegeln alle Erfahrungen, Gefühle, Stimmungen wider, die Menschen unterschiedlicher Zeiten und Lebenslagen beim Blick auf den Himmel überfallen können“ – so sagt es ein Kenner und Liebhaber der Psalmen. (Hans Maier, in: SAID, Psalmen, München 2007, 106f)
Verstehen wir Psalmen so, dann erstaunt es nicht, dass auch Menschen muslimischer Herkunft religiöse Lieder dichten und sie Psalmen nennen. ‚Psalmen’ lautet auch der Titel eines kleinen Bändchens mit 99 Gedichten des Schriftstellers SAID. Er ist persisch muslimischer Herkunft und lebt heute in München ,. Für sein literarisches Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet. Einige Jahre war er Präsident des PEN-Zentrums Deutschland.
In seinen ‚Psalmen’ spricht SAID von seiner Suche nach Gott. Er küsst den Stamm eines Baumes und legt sich nachts auf die Erde, wohl wissend, dass die Suche nach Spuren Gottes in der Natur nicht zu Beweisen führt.

siehe herr
ich gehe zu einem baum und küsse seinen stamm
in ehrfurcht vor seinem alter und seinem wirken
und ich bete dich an
ohne einen beweis für deine existenz zu suchen
in meiner hütte herrscht ein einfaches licht
nachts gehe ich fort
und lege mich auf die erde
ohne angst ohne verlangen
(35)

SAID besteht darauf, Gott auf seinen eigenen Wegen zu suchen. Er weiß, dass diese Suche hier auf Erden nicht ans Ziel gelangt. Vor allem aber will er nicht, dass ihm andere ihre Antworten aufdrängen:

herr
ich suche dich
mach daß diese suche nie aufhört
siehe
sie bedrängen mich von allen seiten
die gottesbesitzer
doch befragen sie nie ihren gott
denn sie fürchten seine antwortlosigkeit
ich aber vertraue meinem gebet
dem alten brandstifter
der auf der suche nach einer neuen behausung
die alten häuser verrät
(92)

99 Gedichte sind es, die SAID in dem kleinen Bändchen mit dem Titel „Psalmen“ veröffentlicht. Nach muslimischer Vorstellung sind 99 Namen für Gott bekannt. Den für den einzelnen Menschen entscheidenden, den hundertsten, kann nur jeder selbst finden. Dazu erbittet SAID Gottes Hilfe:

und ich bitte dich oh herr
verrate mir alle deine namen
auch den letzten
den verborgenen
(7)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3756