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SWR1 Begegnungen

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag, ich bin Roland Spur von der Evangelischen Kirche und möchte Ihnen heute die Pröpstin Elfriede Begrich aus Erfurt vorstellen. Ihre Thüringer Kirche, so erzählte sie mir, hat über 4000 Kirchengebäude, auch weltberühmte. Ein unglaublicher Schatz. Was für ein Erbe!

Ich glaube, das Entscheidende ist, dass man das in der Art und Weise des Umgangs spürt, nicht hinter den Mauern, sondern vor den Mauern. Also ich kann in den Mauern Kraft kriegen. Aber das Entscheidende ist, dass das, was ich in den Mauern gekriegt habe, nach Außen trage. Und daran wird man Kirche und auch Reformation heute messen, anders kann ich es mir nicht vorstellen.

Teil 1
Ich stehe mit meinem Aufnahmegerät im Garten vom Kreuzgang des Augustiner-Klosters zu Erfurt Elfriede Begrich gegenüber. Nicht aus romantischer Nostalgie, nur: die Ruhe. Ein Interview fürs Radio in ihrem Amtszimmer – unmöglich! Dieser Baulärm! Die ehemaligen Weid-Speicher und die Bibliothek des Klosters werden jetzt wieder aufgebaut. Sie sind Ende Februar 1945 durch eine britische Luftmine plattgemacht worden.

Wo gebaut wird, da ist Leben. Und da ist Geld vorhanden. Und da ist offensichtlich auch ein Bedarf vorhanden, sonst müssten wir nicht bauen. Ja, hier wird gebaut. Und ich will Ihnen sagen, wir haben in den letzten Jahren nach der Wende so viel an Kirchen, an Glocken, an Orgeln restauriert wie in den vergangenen hundert Jahren nicht. Also das ist ein unglaublicher Aufschwung in dieser Richtung, wobei nicht gleich parallel geht der Aufschwung und das Wachsen der Kirche.

Wachsende Kirche. Schwindende Kirche. Darüber reden wir an einer – nicht nur für Protestanten – wichtigen Stätte: hier wurde aus einem ehemaligen Jurastudent ein berühmter Mönch: Martin Luther. Er ist in diesem Kreuzgang herumgegangen. Heute wohnen wieder Nonnen im Augustiner-Kloster zu Erfurt. Und hier hat sie ihren Dienstsitz, Elfriede Begrich, mit ihrem Titel „Pröpstin“. Ich habe sie gefragt, was man sich darunter vorstellen soll. »Sind Sie Äbtissin?«

Nein! Obwohl, das wär’ nicht schlecht. Es gibt auch Leute die sagen zu mir: „Präbstin“. Das ist dann so eine Mischung von Päpstin und Pröpstin. Also eine Pröpstin ist die regionale Vertreterin des Landesbischofs, in einer bestimmten Region. Und das ist hier die Thüringer Region.

Dann gibt es das der Sache nach bei uns in der Württembergischen, in der Badischen Landeskirche auch?

Bei Ihnen wären das die Prälaten. Ich bin mit „Pröpstin“ ganz zufrieden. Weil das vom Lateinischen herkommt und sagt: „Das sind die, die für die andern sorgen und sich um die auch Gedanken machen und sich mühen: »Für andere da sein«.

Im Gespräch erzähle ich Frau Begrich auch von dem Stuttgarter Kongress »Wachsende Kirche« vor ein paar Wochen. Schaut man sich die großen Trends an mit sinkenden Zahlen von Kirche, dann ist es kein Wunder, wenn immer wieder gern von früheren Zeiten erzählt wird – fast wie das sprichwörtliche Sehnen nach den »Fleischtöpfen Ägyptens«. Dabei stehen hier im Südwesten die Kirchen vergleichsweise viel, viel besser da als die im Osten oder in Mitteldeutschland.

Aber ich denke, wir haben es an manchen Stellen besser als Sie. Also erst mal haben wir keine „Fleischtöpfe“, nach denen wir uns sehnen – das ist schon viel, viel leichter. Und das zweite ist: ich finde, unendlich wichtig ist, dass wir bei dem Wachsen nach Innen gucken. Dass wir nach dem qualitativen Wachsen gucken. Das macht uns doch aus! Es hat unsrer Kirche noch nie geholfen, wenn wir 80 oder 90 Prozent Christen waren – schauen Sie doch die Vergangenheit an! Das ist nicht das, was wir zu sein haben.

Teil 2
Die Reformation gab Europa ein neues Gesicht: Glaube öffnet sich für das Gespräch mit der Neuzeit, mit der Moderne. Eine gegenseitige Befruchtung. Das schöne, neue alte Erfurt mit seinen Türmen und vielen Kirchen kann mit Recht von sich sagen, es sei eine Wiege der Reformation. Ist Erfurt stolz auf dieses große Erbe? Sind die Gebäude mit Leben gefüllt? Braucht man Kirche?

Ich bin froh über alles, was wir machen. Wir haben ’ne ganze Menge Schulen gegründet und Kindergärten aus kommunaler Trägerschaft übernommen, das ist alles sehr schön. Aber einfach mal da zu stehen, wo die anderen stehen, auf dem Anger, auf dem Markt, und die Dinge in der Sprache zu reden, in der man uns auch versteht, da haben wir noch viel Übungsbedarf. Aber das ist eine alte Geschichte unserer Kirche. Die ziehen wir schon 200 Jahre mit uns, oder noch länger: Dass wir die, an die eigentlich gewiesen sind – jedenfalls mindestens genauso wie an die anderen, also an die Arbeiterschaft, auch wenn es die in der Klasse gar nicht mehr so richtig gibt, dass wir an die mindestens genauso gewiesen sind wie an den Mittelstand oder an die, die das Vermögen haben.

Am Pfingstmontag wurde darüber gepredigt, was Lukas über den Anfang von Kirche berichtet: »Alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.«
Apostelgeschichte 2 [hier Verse 44f.] beschreibt Kirche in ihren Anfangsgründen. Und so wirkte und wirkt sie in die Gesellschaft hinein: Eine andere Einstellung zum Leben.

Ja sicher. Wir haben die Botschaft, die andere nicht haben. Also gerade diese Apostelgeschichte, die sie benannt haben, ist einer meiner entscheidenden Texte für das Verständnis von Kirche und Gesellschaft. Das ist genau der Klammertext, der beides zusammenbringt. Mir wird oft gesagt: „Naja, das war ein idealer Zustand, eine Ideologie, die sich sowieso nicht einholen lässt...“ Da muss ich sagen: „Das ist eine ganz bequeme Argumentation.“ Diese Texte sind geschrieben für die Zukunft! Und nicht, dass wir sagen: ‚In der Vergangenheit hat das nicht geklappt!’ Die sind für die Zukunft geschrieben, und dafür lesen wir sie. Und dafür will ich sie auch lebendig machen.

Die temperamentvolle, zierliche Theologin Elfriede Begrich, die Pröpstin von Erfurt-Nordhausen. Hat einen Mann, Kinder großgezogen, ist 60. Eine Quer- und Andersdenkende der protestantischen Kirche. Keine, die jammert. Weil sie geschichtlich denkt. Eine Vordenkerin, und auch „Seelsorgerin für die kranke Seele unserer Gesellschaft“. So lässt sie es sich einfach nicht nehmen, als Kirchenfrau, über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, über Solidarität und Nächstenliebe gesellschaftspolitisch Klartext zu reden – schließlich sind das Themen in den Texten der Bibel.
Und die sagen nun einmal, dass es eine Alternative zu diesem „Ich!“ gibt. Und die Alternative zum »Ich« ist ein »Wir«. Natürlich weiß ich, dass es „im Lande der Reformation“ und der ehemaligen DDR mit dem »Wir« immer auf schwierige Ohren trifft. Aber um des Himmels willen muss ich sagen: es gibt doch noch mehr als das kleine Wir, das wir damals erlebt haben. Das hat Menschen geschädigt, es hat sie beschädigt, das weiß ich. Aber ich würde an diesem »Wir« gerne festhalten. Und ich gucke mit wirklich wachen Augen in den Kontinent, wo so etwas immer mehr entsteht wie jetzt auch wieder in Paraguay, in Südamerika. Ich hoffe sehr, dass man da erlebt, dass das »Wir« nicht gestorben ist. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3730