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SWR2 Wort zum Tag

„Ich bin froh, wenn ich wieder zu Hause bin“, sagt mir meine Frau am Telefon. Sie ist ein paar Tage unterwegs und kommt bald zurück. Zu Hause, klar, das ist der Ort, an dem ich wohne. Manchmal allerdings ertappe ich mich: Wenn ich zu meinen Eltern fahre, fahre ich auch nach Hause. Zu Hause ist also dort, wo ich geboren bin? Wo ich aufgewachsen bin? Oder ist „zu Hause“ nur der Ort, an dem die Menschen wohnen, mit denen ich verbunden bin? Ich glaube, das reicht alles nicht aus. Zu Hause das beschreibt zweierlei: Zu Hause bin ich bei Menschen, mit denen ich verbunden bin, zu Hause ist aber auch immer ein Ort, ein konkreter Wohnort, ein Lebensort: die Heimatstadt, das Haus, in dem jemand aufgewachsen ist, die Kirche vor Ort. Menschen sind nicht nur geistig zu Hause, sondern eben auch dort, wo ganz handfest etwas von der Heimat zu sehen ist.
Ich habe das lange anders gesehen. Habe gedacht, dass Heimat ein rückwärtsgewandter Begriff ist. Habe mich als freier und ungebundener erlebt. Zu Hause sein, habe ich gedacht, macht sich doch nicht an ein paar alten Steinen fest. Heute denke ich anders. Vor allem, weil ich mich intensiv mit der Geschichte Israels beschäftigt habe. Denn das zentrale Thema vor allem der ersten biblischen Bücher ist: Wo bin ich zu Hause? Drei Szenen machen das deutlich:
Erste Szene: Abraham wandert aus. Abraham ist eine wichtige biblische Figur. Mehr noch: Er gilt als Stammvater dreier großer Religionen – der Juden, der Christen und der Muslime. In der Bibel tritt dieser Abraham auf und Gott fordert ihn sofort auf, aus seinem Land auszuwandern. Wegzuziehen. Abraham hat offensichtlich keine große Lust dazu. Denn Gott muss ihn locken: Er verspricht Abraham ein großes Land, verspricht ihm Nachkommen und gibt ihm seinen Segen. Und dann macht sich dieser Abraham auf. Er zieht in ein völlig anderes Land. Und findet dort langsam seine Heimat, den Ort, an dem er zu Hause ist.
Zweite Szene: Mose flieht mit seinen Landsleuten aus Ägypten. Die Ägypter brauchen Arbeiter für ihre gewaltigen Monumente, Pyramiden, Häuser. Einige der Arbeiter werden unterdrückt, gedemütigt. Sie wollen fliehen. Anführer der Gruppe ist Mose. Er organisiert den Exodus, den Auszug aus Ägypten. In der Bibel schließt die Geschichte allerdings nicht mit der Flucht. Sondern die kleine Gruppe der Israeliten irrt vierzig lange Jahr durch die Wüste. Immer auf der Suche nach einem Ort, einem Land, in dem sie heimisch werden können. Die Geschichte der Flucht aus Ägypten erzählt beides: Die glückliche Flucht aus einem fremden Land – und die verzweifelte Suche nach Heimat.
Dritte Szene: Das heutige Israel ist immer ein Spielball großer Mächte gewesen. Vor über zweieinhalbtausend Jahren fallen die Babylonier in das Land ein, verwüsten es, verschleppen die jüdische Elite. Im Exil, in der Verbannung denken die Verschleppten viel über ihr Land, ihre Heimat nach. Und kommen doch erst Jahre später wieder nach Hause. In ihr Land.
Menschen, so lese ich diese biblischen Texte, sind an Orte gebunden, brauchen Orte, die sie zu Hause sein lassen. Nicht immer endet diese Suche mit einem Happy End. Mose zum Beispiel kommt nicht ins gelobte Land. Er steigt zwar noch auf den Gipfel eines Berges, kann das versprochene Land schon sehen, stirbt dann aber.
Entscheidend bei allen drei Geschichten ist aber, dass die Menschen nicht blind nach einem Ort suchen. Sie begreifen ihre Suche als Teil ihres Weges mit Gott. Nicht, dass sie Gott immer gespürt hätten. Im Exil zum Beispiel erfahren die Juden ihren Gott als abwesend. Sie streiten mit Gott, sie klagen ihn an, fordern ihn heraus. Von Gott erhoffen sie sich Trost – und Land, eine Heimat, die leben lässt. So bleibt ihre Suche nach Heimat mit Gott verbunden.
Die drei Geschichten von Abraham, von Mose und vom Exil erzählen etwas Wesentliches vom jüdisch-christlichen Glauben. Sie machen deutlich, dass das Unterwegs-Sein zum Glauben, zum Leben gehört. Und dass die Suche nach einem Zu-Hause ebenfalls dazugehört.

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