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SWR2 Wort zum Tag

15JAN2022
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Als Kind war er für mich etwas ganz Besonderes: ein fünfeckiger, sehr alter Grenzstein, an dem die Gemarkungen von fünf Dörfern aneinanderstoßen. Wenn ein Spaziergang an diesem Stein vorbeiführte, bin ich immer um den Stein herumgelaufen. In kürzester Zeit hatte ich auf diese Weise fünf Ortschaften hintereinander besucht. Oder ich konnte mit einem Bein im einen und mit dem anderen im anderen Dorf stehen. Faszinierend!

Vor einiger Zeit ist mir dieser besondere Grenzstein meiner Kindheit wieder in den Sinn gekommen. Als Bild für die Art und Weise, in der sich meine eigene Identität wahrnehmen und beschreiben lässt. An die Stelle des Ortswechsels ist der Rollenwechsel getreten. Mal bin ich beruflich im Einsatz, mal privat, mal Patient beim Arzt, dann Referent bei einer Bildungsveranstaltung, mal begleite ich jemanden in einer schwierigen Situation, dann suche ich selber Rat. Mal habe ich mehrere Hüte auf oder übernehme mit dem einen Fuß die eine und mit dem anderen eine andere Rolle. Dieser ständige Rollenwechsel gehört zum Menschsein dazu. Nicht nur zu meinem. Er hält mein Leben in Bewegung und macht es spannend.

Mag der ständige Rollenwechsel also zu den unveränderlichen Kennzeichen des Menschseins gehören – mir fällt auf, dass in der Bibel von Gott ganz anders geredet wird. Derselbe sei er, oder dieselbe, gestern, heute und morgen. Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Auf der anderen Seite weiß ich: Gott verändert sich auch. Lässt sich erweichen. Wagt ein ums andere Mal den Neuanfang mit den Menschen. Wenn ich meine Gedanken zurück auf das Fest der Weihnacht richte, dann geht es da um den radikalsten Rollenwechsel, den ich mir vorstellen kann: Gott wird Mensch. Wechselt nicht nur den Ort wie ich beim Gang um den Grenzstein. Gott tauscht im Bild gesprochen auch oben und unten.

Kein Zweifel also: Gott scheut die Veränderung nicht. Passt sich meinen Lebens- und Erfahrungsgewohnheiten an. Doch dieser Wandel in Gott selber ist etwas anderes als unser menschlicher Rollenwechsel. Gott läuft nicht um irgendeinen Grenzstein herum wie ich als Kind. Er ist selber die Mitte, die meine aufgesplittete Existenz zusammenhält. Im ständigen Wandel bleibt Gott eins mit sich.

Für mich bedeutet das: Es kommt also gerade nicht darauf an, in schnellem Schritt um die vielen Grenzsteine meines Lebens herumzulaufen. Viel wichtiger wäre es doch, bei jedem Schritt die Mitte, die alles zusammenhält, nicht aus dem Blick zu verlieren.

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