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SWR2 Wort zum Tag

13JAN2022
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Vor kurzem erst habe ich mit einem Bankberater  über die Möglichkeit eines Darlehens gesprochen. Er blättert durch seine Tabellen, fragt nach meinem Geburtsjahr. Und sagt dann: „Nach meinen Unterlagen können Sie mit einer Lebenserwartung von 84 Jahren rechnen. Ein Darlehen ist da kein Problem!“ Natürlich hat der Berater seine Sterbetafeln. Daraus kann er die durchschnittliche Lebenserwartung unter bestimmten Rahmenbedingungen ablesen. Aber mit dieser Zahl einfach so direkt konfrontiert zu werden, abgelesen wie aus einer Glaskugel, das hat mich dann doch erstmal sprachlos gemacht.

Ich weiß: Bei dem Alter, das er mir vorausgesagt hat, geht’s um einen Durchschnittswert. Ich könnte am Ende noch viel älter werden. Oder eben auch viel früher sterben. Wenn ich mir etwas vornehme, mich etwa um einen Kredit bemühe, da spielt eben die Laufzeit eine Rolle. Und die voraussichtliche Lebenserwartung. Im biblischen Jakobusbrief wird eine solche Denkweise sehr realistisch beschrieben: „Wenn ihr ein Geschäft abschließen wollt oder wenn ihr eine Reise plant, dann legt ihr dafür auch einen Termin fest.“ Der Briefschreiber fährt dann aber warnend fort: „Eigentlich übernehmt ihr euch dabei. Stattdessen müsstet ihr sagen: Wenn Gott will, werde ich den Vertrag unterschreiben oder die Reise antreten.“

Dieser biblische Vorbehalt ist beinahe schon sprichwörtlich geworden. In früheren Zeiten haben Menschen bei Terminangaben die Buchstaben „s.c.j“ ergänzt. Das bedeutet sub conditione jacobaea – auf deutsch: Unter der Bedingung des Jakobus. Das meint also unter dem Vorbehalt: „Wenn Gott will und wir leben, will ich mir dieses oder jenes vornehmen.“  Eigentlich hat der Bankberater etwas Ähnliches gemacht. Er hat die Bedingung eines Vertrages realistisch umschrieben. Seine Rahmenvorgabe war ein statistischer Durchschnittswert. Hier unterscheidet er sich dann doch von der Denkweise des Jakobus. Der stellt nämlich auch die statistische Wahrscheinlichkeit in Frage. Und ersetzt sie durch die Einsicht, dass ich meine Absichten und Pläne am Ende nicht selber garantieren kann. Ich könnte auch sagen, dass Gott mein Leben in der Hand hat.

Ich habe übrigens den Vertrag noch nicht unterschrieben. Vielleicht sollte ich mich ruhig auf diese Einsicht früherer Generationen verlassen. Und noch diese drei Buchstaben der Bedingung des Jakobus ergänzen.

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