Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

11JAN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

1864. In einer Zeitung stoße ich auf die Zahl und frage mich sofort, warum sie mich in diesem Moment eigentlich so wenig berührt. Denn es ist eine furchtbare, eine beschämende Zahl. 1864, so viele Menschen sind im vergangenen Jahr ziemlich sicher im Mittelmeer gestorben.* Mindestens. Beim verzweifelten Versuch, Gewalt, Unterdrückung, Hunger oder Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat zu entkommen. Klar, wer sich freiwillig in ein Schlauchboot setzt, um damit das Mittelmeer zu überqueren, der kann doch nicht ganz bei Trost sein. Das stimmt. Denn einer, der völlig verzweifelt ist, der ist tatsächlich nicht mehr bei Trost. Der ist vielmehr untröstlich. Der ist sogar bereit, den Tod in Kauf zu nehmen, um vielleicht doch noch das Leben zu gewinnen. Aber warum berührt mich diese Zahl dann so wenig?

Die Antwort ist so banal wie beschämend. Weil ich, wie so viele von uns, mich längst daran gewöhnt habe. Wer im Mittelmeer untergeht, der bleibt namenlos, gesichtslos, geschichtslos. Es gibt keine herzzerreißenden Bilder, keine anrührenden Stories in Hochglanzmagazinen. Es gibt nur das gleichgültige, schweigende Meer. Ansonsten gibt es nur diese Zahl. Jedes Jahr aufs Neue. Tendenz steigend. Eine Zahl setzt aber selten Emotionen frei.

Trotzdem merke ich, dass mich die Zahl jetzt nicht mehr in Ruhe lässt. Weil sie meinen moralischen Kompass durcheinanderbringt. 1864 verzweifelte Tote im mare nostrum, in unserm Meer, wie schon die Römer das Mittelmeer nannten, sind eben 1864 zu viel. Als Europäer nennen wir uns eine Wertegemeinschaft. Und viele sind stolz auf ein christliches Menschenbild, das uns verbindet. Ein Menschenbild, nach dem jedes Leben zählt und jedes gleich wertvoll ist. Und nach dem es eine tiefe moralische Verpflichtung gibt, einen Menschen zu retten, der in Not gerät. Die Journalistin Valerie Schönian hat einmal über die Bettler in Berlin geschrieben: Da bittet ein Mensch um Hilfe. Und deswegen hilft man ihm. Das sollte ein Dogma sein. Genau das ist es. Egal ob in Berlin oder am Mittelmeer. Und genau darum wird mich die Zahl 1864 auch nicht so schnell in Ruhe lassen.

* https://missingmigrants.iom.int/region/mediterranean

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34646