Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

12JAN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Marlene besetzt!“ – „Fabio besetzt!“ So rufen Kinder beim Mittagessen im Schülerhort. Wer darf und wer soll neben wem sitzen? Sympathie tut gut. Kann aber auch wehtun. Wenn nämlich die beste Freundin lieber neben einer anderen sitzen mag.

Als es unlängst im Bundestag um die Sitzordnung ging, hat mich das an die Szenerie im Schülerhort erinnert. Was ist da los, wenn neben einer Fraktion – und zwar der AfD – niemand sitzen mag?
Freilich, bei der Sitzordnung spielt Symbolik eine große Rolle. Schon seit der Französischen Revolution sitzen die Konservativen, die Bewahrer auf der rechten Seite des Parlaments und die Progressiven, die Veränderer auf der Linken.

Mir ist klar: Neben solchen Traditionen geht es heute auch um Wahrnehmung in den Medien, um Deutungsmacht und um handfeste Interessen. Ich übersehe keineswegs, wie manche in der AfD an Grundwerten unserer Demokratie sägen. Und dagegen müssen alle Gesetze und Verordnungen angewendet werden, die genau das verhindern. Und doch frage ich mich. Hilft Ausgrenzen im Umgang mit Anderen wirklich weiter?

Nur ein kleines Gedankenspiel – zugegeben eine etwas spinnerte Idee:
Wie wäre das gewesen, wenn Grüne und Linke der AfD angeboten hätten, sie in ihre Mitte zu nehmen? Vermutlich wäre dieses Angebot nicht angenommen worden. Nur da bin ich mir gewiss: Es hätte irritiert und gewirkt. Abweichen kann Fronten auch aufweichen helfen. Ausgrenzen allein verändert nichts und niemanden.

Ich habe bei einem Trauerfall einen Polizisten kennengelernt, der saß einmal für die AfD in einem Stadtparlament. Als ich ihn nach seinen Gründen gefragt habe, konnte ich einiges besser verstehen. Er fühlte sich in seiner Berufsrolle von Vorgesetzten und Politikern allein gelassen, oft an den Pranger gestellt. Er ist bald wieder aus der AfD ausgetreten, wollte mit den nationalistischen Tönen nichts zu tun haben.

Mich motiviert diese Begegnung:
Ich will weiter mit denen ins Gespräch kommen, die auf´s Erste so gar nicht in mein Konzept passen. Nicht nur, weil es in der Bibel einen Jesus gibt – der das versucht hat.
Nicht nur, weil Jesus von Feindesliebe spricht. Sondern auch deshalb: Weil es in all den Spannungen in unserem Land gerade jetzt darauf ankommt, niemanden zu verteufeln.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34638