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SWR2 Wort zum Tag

11JAN2022
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In der Bibel kommt er nicht vor. Der eine schwarze von drei Heiligen Königen. Doch wie kam er dann eigentlich in so zahlreiche Darstellungen der Weihnachtsgeschichte? Und wie wurde er früher in Gemälden und Figuren dargestellt? Dem geht gerade eine kleine Ausstellung in Rottenburg am Neckar nach: Ihr Titel: „Der schwarze König an der Krippe“.

Da stellen sich heute unweigerlich gleich Fragen ein wie diese: Ist der schwarze König diskriminierend dargestellt? Ist sein Bild von einer kolonialistischen Sichtweise geprägt? Trägt es rassistische Züge? Soll und darf man solche Darstellungen heute überhaupt noch zeigen?

Solche skeptischen Fragen sind wichtig. Gut, dass ihnen im Rahmenprogramm zur Ausstellung nachgegangen wird. Ich spüre in solchen Anfragen aber auch eine große Sehnsucht nach Reinheit und Korrektheit. Und ich frage mich, ob diese Perspektive womöglich auch etwas verdecken kann? Den Blick nämlich für Überraschendes, für positive Impulse in diesen Darstellungen.

Die Darstellungen in Rottenburg zeigen in aller Regel einen Schwarzafrikaner mit reich geschmückter Kleidung. Er vertritt klar erkennbar die junge Generation. Er steht meistens etwas weiter vom Jesuskind entfernt als seine beiden gealterten, nichtfarbigen Königskollegen. Darf er nicht in die erste Reihe? Muss er hinten anstehen? Oder aber geht es hier nach dem Prinzip: Alter vor Schönheit!

Es fällt auch auf: Der Schwarzafrikaner ist dem Jesuskind in den Darstellungen nicht so innig zugewandt wie die Nichtfarbigen – die knien und beten. Ist auch das ein Signal von Distanzierung? Oder haben die Nichtfarbigen mehr Grund zu Buße und Anbetung?

Für mich ist der „Der schwarze König an der Krippe“ ein Anstoß, immer wieder damit zu rechnen, dass hinter uns – in der Vergangenheit –Weisheiten liegen, die uns weit vorausleuchten können.

Wenn im 12. Jahrhundert zum ersten Mal von einem schwarzen König die Rede ist – kommt eine für die damalige Zeit universale Perspektive auf: verschiedene Kulturkreise – Asien, Afrika und Europa – sind verbunden an der Krippe in Bethlehem. Da leuchtet so etwas wie ein Menschheitsbund auf, ein Völkerbund, eine Internationale. Die schon in der Bibel begründet ist: Da stehen die drei Söhne Noahs – Sem, Ham und Japhet  – für die Menschheit der drei damals bekannten Kontinente.

Diskriminierungen, Abschottungen, Rassismen sind heute noch lebendig – und sind zu ächten. Können nicht gerade die drei Könige an der Krippe – dieser weltweite Horizont – auch unserer Zeit ein Licht aufsetzen?

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