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SWR4 Abendgedanken

10JAN2022
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Zu Beginn des neuen Jahres versuche ich immer mein Büro aufzuräumen. Ich mag Ordnung, obwohl mein Büro einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Jedes Mal ein großes Projekt.

Also nehme ich mir immer wieder vor: Dieses Jahr halte ich Ordnung. Und habe auch diesmal damit angefangen, Unterlagen abzuheften, Papierstapel zu sortieren, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, die benutzten Kaffeetassen in die Spülmaschine zu räumen und kaputte Stifte wegzuwerfen.

Es hätte auch alles geklappt, wenn da nicht auch noch Weihnachtskarten gelegen hätten, Briefe, Fotos und kleine Aufmerksamkeiten von verschiedenen Menschen. Ich konnte nicht widerstehen, habe ich mich hingesetzt und gelesen. Und natürlich dabei die Zeit vergessen.

Mit den Karten und den Briefen waren so viele Erinnerungen verbunden. Erinnerungen an Begegnungen mit Menschen, an Ereignisse, die wir gemeinsam geteilt haben. Da war die Taufe des kleinen Mädchens, das schon selbst ans Taufbecken gehen konnte. Sie wollte das Taufwasser eingießen und hat sich so gefreut. Und dann das Konfirmationsfoto. Ein junger Mann, der vor Freude in die Luft springt. Ja, endlich trotz Corona konfirmiert. Es gibt auch traurige Erinnerungen. Ich musste von Menschen Abschied nehmen, mit denen ich so gerne noch das Leben geteilt hätte. Der angefangene Brief, den ich an die Eltern eines verstorbenen Freundes schreiben wollte, liegt auch noch auf meinem Schreibtisch. Angefangen und nie vollendet, weil ich bis heute mit den Worten ringe.

„Macht das Beste aus Eurer Zeit“ – so heißt es in der Bibel, im Kolosserbrief. Das habe ich gemacht. Das Ergebnis ist nur anders ausgefallen als gedacht.

Das Büro ist nur teilweise aufgeräumt, aber ich habe mich aufgeräumt. Denn ich habe mir Zeit genommen für schöne, traurige, lustige, ganz besondere Erinnerungen. Hätte ich nicht versucht Ordnung zu schaffen, wären diese Erinnerungen weiterhin auf dem Ablagestapel in Vergessenheit geraten. So habe ich sie aber wieder bei mir. Und das ist schön.

„Macht das Beste aus Eurer Zeit“ – das kann manchmal was ganz anderes sein als ursprünglich gedacht. Das kann manchmal ein halbaufgeräumtes Büro sein, in dem ich leere Postkarten gefunden habe, die ich in der nächsten Zeit beschriften und abschicken werde.

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