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SWR3 Gedanken

14JAN2022
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Linda ist eine richtig gute Freundin. Wir hatten uns im Café verabredet – da bemerkte ich die beiden Frauen am Nachbartisch: sie tuschelten, zeigten missbilligend auf Linda. Nun muss man sagen, Linda ist nicht nur eine super Freundin, sie ist auch ziemlich dick. Und die beiden Frauen regten sich darüber auf, dass diese dicke Person dabei war ein dickes Stück Kuchen zu essen. Ich wollte gerade aufstehen und denen meine Meinung sagen, da legte mir Linda ihre Hand auf den Arm. „Komm, lass die lästern“, sagte sie mir, „ich habe dir etwas Wichtigeres zu erzählen.“ Linda hat nämlich seit einiger Zeit Schmerzen und sie ist von Arzt zu Arzt gerannt. Die haben sie kaum angeguckt. Sie solle abnehmen, haben sie gesagt, dann gingen auch die Schmerzen weg.

Nun aber hatte eine Ärztin sie endlich ernst genommen und festgestellt, Linda ist wirklich krank. Bei Kaffee und Kuchen besprachen wir, was jetzt werden sollte.

Als ich beim nach Hause gehen darüber nachdachte, wurde ich wütend. Warum werden dicke Menschen so oft auf ihr Dicksein beschränkt? Über dicke Menschen wird gelästert, sie werden gemobbt, in der Schule, auf der Arbeit. Sie werden nicht ernst genommen, weder beim Arzt noch im Leben. Die Amerikaner nennen das fat shaming.

Fat shaming ist, wenn Menschen wegen ihres Dickseins diskriminiert werden. Ohne nach der Geschichte dieses Menschen zu fragen, werden sie in die Schublade FETT gepackt. Ein entfernter Bekannter hatte eine richtig schreckliche Kindheit, für ihn war Essen Trost, Schutz, Panzer. Eine Nachbarin musste Medikamente schlucken und wurde von Tag zu Tag dicker. Menschen haben Geschichten und es lohnt sich, nachzufragen.

Fat shaming hat zur Folge, dass Menschen sich in ihrem eigenen Körper unwohl fühlen und ihn gar als Feind betrachten. Ich finde das ganz entsetzlich: niemand sollte sich seines Körpers schämen! In einem Gebet in der Bibel heißt es: Ich danke Dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin! Ich bin überzeugt: Das gilt für Menschen jeder Kleidergröße!

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