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SWR3 Gedanken

12JAN2022
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Es gibt ja so Geschichten, die rühren einen einfach an. Diese Geschichte hat mich gerührt:
Das Ehepaar hatte sich nach dem Krieg kennengelernt, beide waren aus den Ostgebieten hierher geflüchtet, sie damals Ende 30 mit einem behinderten Kind, unehelich geboren, er Anfang Zwanzig. Die beiden heirateten, aber sie blieben für sich, sie waren Fremde im Dorf, „Reingeschmeckte“.

Dann zog irgendwann in den 90ern eine junge Familie in die Nachbarschaft. Auch sie Geflüchtete, aber aus dem Krieg zwischen den ehemals jugoslawischen Staaten.

Das Ehepaar kümmerte sich, half der jungen Familie. Es entwickelte sich eine Freundschaft, das Ehepaar wurde zu einer Art Ersatzgroßeltern für die Familie. Die Jahre zogen dahin, sonntags traf man sich bei Kaffee und Kuchen. Es wurde zur Tradition, gemeinsam die Weihnachtsfeste zu feiern: im Dezember beim alten Ehepaar, im Januar, der orthodoxen Tradition folgend, bei der Familie.

Irgendwann wurde das Ehepaar alt. Man beschloss: sie ziehen in eine seniorengerechte Wohnung in die Nachbarschaft, in die auch die jugoslawische Familie gezogen war. Nun half die Familie dem alten Ehepaar: kochte, half beim Saubermachen, suchte den demenzkranken Ehemann, wenn er beim Nachmittagsspaziergang nicht mehr nach Hause fand.

Wir stehen auf dem Friedhof, das Ehepaar ist gestorben, die Familie weint. Die Tochter meint: „Ist doch selbstverständlich, dass wir geholfen haben, als die beiden alt wurden. Die beiden haben uns doch damals auch geholfen.“

Und ich denke: Nein. Nein, es ist eben nicht selbstverständlich. Jemandem zu helfen, weil er fremd ist in einem fremden Land. Jemandem zu helfen, weil er alt ist und Hilfe braucht. Das ist nicht selbstverständlich. Das ist das schönste und edelste, das der Mensch machen kann.

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