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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

14JAN2022
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Vor einem Jahr habe ich eine Tochter zur Welt gebracht. Ein Ereignis, dass ich so nie vergessen werde. Es grenzt für mich an ein Wunder, wenn so ein kleiner Mensch geboren wird. Ich hab die Kleine zwar die ganzen Monate vorher in meinem Bauch gespürt, aber so ganz fassen konnte ich dann doch nicht, was da passiert. Bis zur Geburt, als wir uns dann das erste Mal gesehen und angefangen haben kennenzulernen.

Ich habe zwar zugesehen, wie mein Bauch wächst und gespürt, dass da was kommt. Aber eine Schwangere, die jetzt nur so vor Vorfreude strotzt, bin ich nicht gewesen. Wie denn auch? Ich hab ja nicht gewusst, wie es ist Mutter zu sein.

Mich hat es eher geärgert, wenn ich in Zeitschriften nur von glücklichen werdenden Eltern gelesen habe. Und es ist auch anstrengend gewesen, als mir in der Familie alle mitgeteilt haben, wie sehr sie sich aufs Kind freuen. Für schlechte Laune, Bedenken oder unangenehme Themen ist kein Platz gewesen. Es wurde erwartet, dass ich glücklich bin.

Für so ein Verhalten gibt es sogar einen wissenschaftlichen Begriff. Er heißt: toxische Positivität. Gemeint ist, dass gutes Leben nur an positiven Gefühlen gemessen wird. Für mich ist das ein Unding. Als Mensch bestehe ich aus ganz vielen und unterschiedlichen Gefühlen. Und die können mal angenehm und mal weniger angenehm sein. Unangenehmes begleitet uns sogar schon von Geburt an, nicht umsonst kommen wir schreiend zur Welt. Wenn es so existentiell ist, warum sollten wir also das Mutter- oder Vaterwerden nur schönreden?

Dass ein kleines Wesen zur Welt kommt, ist das eine und dass damit ein Leben beginnt. Für mich, wie gesagt ein Wunder. Darüber kann ich mich freuen, ja.

Aber, dass für mein bisheriges Leben eine neue Rolle beginnt, ist das andere. Ich werde nicht als Mutter geboren. Deshalb darf ich am Anfang Fehler machen und ich darf auch Bedenken haben. Ich darf mich selbst in Frage stellen: Bin ich eine gute Mutter, nur weil ich jetzt nicht überschwänglich glücklich unterwegs bin? Es  dürfen auch andere Gefühle sein. Mutter- oder Vaterwerden ist eine neue Rolle, in die ich erst hineinwachsen darf, mit allem was dazugehört. Und das geht eben erst, wenn ich als Mutter mein Kind kennenlerne, nach der Geburt. Dafür braucht es Zeit und kann dann auch gut und schön werden.

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