Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

13JAN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Fürs neue Jahr habe ich eine große Bitte: Hören Sie mehr zu! Denn ich kann es nicht mehr aushalten, wie einander nicht mehr zugehört wird. Ich erlebe, dass es fast nicht mehr möglich ist, Diskussionen miteinander zu führen. Statt echter Gespräche nehme ich viele Monologe wahr, die in Einbahnstraßen münden. Es wird nicht mehr zugehört und miteinander geredet.

Die letzten Talkshows, die ich gesehen haben, sind immer nach Schema F verlaufen: Eine Person sagt ihre Meinung, eine zweite vertritt die gegenteilige Position. Dann schießen sich die Person, die eigentlich durchs Gespräch führen soll und die erste Person auf die zweite ein. Und dann geschieht Folgendes: Beide Parteien verharren bis zum geht nicht mehr auf ihrer Seite. Schlimmstenfalls wird dem jeweils anderen bisweilen sogar die Kompetenz abgesprochen. Und ich als Zuschauerin habe das Gefühl, den Personen geht es gar nicht um ein Gespräch miteinander, sondern sie wollen nur sich und ihre Positionen vertreten. Mehr nicht. Ein tristes Bild. Weil scheinbar die eigene Meinung viel wichtiger ist, als die der anderen.

Für mich hat das nichts mehr mit Dialogführen zu tun. Was ich so sehr vermisse, ist: Dass wir uns zuhören, wenn wir diskutieren, dass wir aufeinander eingehen und versuchen uns die Position des anderen zu eigen zu machen, uns in den anderen hineindenken. Ich will verstehen, was der andere meint, um dann vielleicht auch gemeinsam ein Thema von allen Seiten zu beleuchten. Ich vermisse eine Art der Diskussion, in der es wirklich um die Sache geht.

Denn wenn ich eine Sache von allen Seiten gut beleuchtet habe, kann ich mir doch einen Standpunkt bilden, weil ich dann erst verstanden habe, worum es den anderen geht und was mir daran wichtig ist.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber wusste, dass man erst am Du zum Ich wird. Erst wenn ich mich mit meinem Gegenüber auseinandersetze, kann ich meinen eigenen Standpunkt finden.

Und das meint eben nicht, dass ich mein Gegenüber fertig machen und auseinandernehmen muss.

Sondern es meint, dass ich mich wirklich auf das Du einlasse und eben seine Ansichten mit meinen abgleiche. Auch mal geduldig rückfrage, z.B. „Wie meinst du das?“ Es geht eben nicht darum, mit einer vorgefertigten Meinung in die Diskussion zu gehen, sondern durch das Gespräch zu einer eigenen Meinung zu kommen.  

Und wenn ich das wirklich mache, dann kann ich auch etwas für mich gewinnen. Und dann entsteht ein echter Dialog. Dann ist es kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander. Und das beginnt eben immer … mit dem Hören.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34608