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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12JAN2022
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Erst schaut sie mich mit großen Augen an, und dann lächelt sie. Sie nimmt das Spielzeug, hält es mir entgegen und brabbelt drauf los, meine kleine Tochter.

Durch sie erlebe ich meine Welt anders. Denn zum ersten Mal bin ich in meinem Leben für einen anderen Menschen verantwortlich, weil er selbst noch viel zu klein für diese Welt ist und Hilfe braucht. Bei jedem Schritt und Tritt begleite ich meine Tochter und sorge für sie. Etwas worüber ich mir nie Gedanken gemacht habe, als ich noch kein Kind hatte. Weil es da mehr um mich ging. Aber jetzt habe ich eben die Welt einer Mutter betreten und merke, was es bedeutet.

Und das ist genau der Punkt, der mir am meisten Sorgen bereitet. Denn noch reicht uns beiden eine einfache Kindersprache aus, um miteinander zu kommunizieren und die Welt kennenzulernen. Noch.

Aber was, wenn sie zu fragen beginnt: „Warum ist das so?“ Wenn auf jede Antwort, die ich gebe, ein erneutes „Warum“ kommt? Auf vieles werde ich ihr eine Antwort geben können.

Aber sie könnte mich ja auch zum Umweltschutz, zum Konsumverhalten oder zu Gesundheitsmasken fragen. Einfach weil sie diese Themen sehr wahrscheinlich betreffen werden und sie sie nicht versteht. Also warum es beispielsweise manche Tiere oder Wälder nicht mehr gibt, warum Klamotten haufenweise weggeworfen werden oder warum eine Pandemie so lange dauert.

Das sind Themen, bei denen ich das Gefühl nicht loswerde, dass wir da als Erwachsene aktuell viel mehr tun sollten. Und ich habe Angst, dass wir irgendwann feststellen, dass wir anders hätten handeln können, aber nichts unternommen haben. Und sowas wird mir dann schwer fallen meiner Tochter eines Tages erklären zu müssen.

Zum Glück können wir dieses Warum-Spiel noch nicht spielen, es noch hinauszögern. Aber ich bin mir sicher, der Zeitpunkt wird kommen. Und ich wünsche mir nur allzu sehr für meine Kleine und die anderen Kinder, dass sie nicht so viel von dem was wir nicht tun ausbaden müssen.

Dass wir als Erwachsene nicht nur an uns selbst denken, weil es nämlich auch noch ein nach uns gibt. Und dass wir, wo es uns möglich ist, unser Bestes tun und vorrausschauend für die Zukunft der Kinder handeln. Weil sie unsere Hilfe dafür brauchen.

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