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SWR1 Begegnungen

12DEZ2021
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Helge Burggrabe Foto: Andrea Friedrichs du Maire

Martina Steinbrecher trifft Helge Burggrabe, Musiker, Komponist, Studienleiter spiritueller Reisen nach Chartres

Es ist Advent. Viele Menschen sind empfänglich für spirituelle Schwingungen, die in anderen Jahreszeiten vielleicht keine Resonanz finden. Für Helge Burggrabe hat Religion schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Bis zu seinem 17. Lebensjahr war er praktizierender Buddhist. Von Myanmar aus hat er sich einen Traum verwirklicht: Er konnte den Dalai Lama treffen und ihm ganz persönliche Fragen zu stellen:

Und die wesentliche Frage war eigentlich sogar, wo ist meine Heimat, wo gehöre ich hin? Und erstaunlicherweise sagte er dort ganz spontan, dass ich nach Europa gehöre, was ich damals eigentlich gar nicht so gern hören wollte. Aber letzten Endes hatte er da damit recht, und inzwischen bin ich ja hier so richtig angekommen und auch verwurzelt.

Die Suche nach den eigenen Wurzeln führt über die eigene Lebensgeschichte hinaus zur Frage nach dem Lebensgrund: Was trägt mich; was gibt mir Halt? Auch Helge Burggrabes Gottesbild verändert sich in diesem Prozess:

Also ich würde es so definieren, dass es etwas Größeres ist als wir selbst, aber dessen Teil wir sind und also jetzt auch im Unterschied zum Buddhismus merke ich, es macht Sinn, ein du einzuführen, sozusagen eine Ansprache auch zu haben mit diesem Größeren, dessen Teil ich bin.

Eine der radikalsten Aussagen des christlichen Glaubens gipfelt in der Aussage, dass dieses göttliche Gegenüber Mensch wird. In Jesus Christus kommt Gott zur Welt und uns unfassbar nah. Auch für Helge Burggrabe eine ganz starke Metapher:

Also die Metapher für Jesus Christus, die dort ja ganz stark im Vordergrund jetzt in der Adventszeit steht, ist ja das Licht. Das Zugehen auf diese Geburt des Lichtes. Und Angelis Silesius hat mal gesagt: Und wäre Christus tausend Mal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärst ewiglich verloren.“ Und das ist so ein Aufruf, den ich ähnlich empfinde, also, dass es eigentlich darum geht, dass in der Gegenwart und immer wieder von Neuem in jeder Adventszeit von Neuem diese Geburt des Lichtes auch in uns selbst eben wahrzunehmen und zu feiern.

Neben der Lichtsymbolik spielen auch Lieder und Instrumente, spielt das Singen in der Adventszeit eine große Rolle. Wie gelingt es ausgerechnet der Musik, spirituelle Zugänge zu Menschen zu finden?

Kein Musiker kann sagen, woher Musik letzten Endes herkommt. Das ist, glaube ich, eine Qualität, die unmittelbar verweist auf die geistige Welt und sozusagen vermittelt: Es gibt eine andere Welt, die mitten unter uns ist, die zu uns sprechen möchte, die herein wirkt in unserer Bedingtheit von Zeit und Raum und das Hereinwirken ist aber nur im Augenblick erlebbar. Denn Musik ist so flüchtig, dass man in ihr ist, sozusagen in der Präsenz ankommen muss.

Letzten Endes war es dann aber gar nicht Musik oder das Studium Heiliger Schriften, das Helge Burggrabe den Zugang zu einer lebendigen Spiritualität geöffnet hat, sondern ein Ort:

Und letzten Endes war es dann aber der Ort Chartres und diese große Kathedrale bei Paris, die mich dann wie so eine Art goldene Türen endgültig dann so in den christlichen Glauben und in die christlichen Bilderwelt hineingeführt hat.

Für den Komponisten und Flötisten Helge Burggrabe ist die Kathedrale von Chartres in der Nähe von Paris ein ganz besonderer Ort. Seit vielen Jahren leitet er Studienreisen, die auch anderen Menschen die Geheimnisse der Kraft dieser Kirche aufschließen. Was macht einen Ort zum Kraftort?

Ich würde sagen, ein Ort ist dann ein Kraftort, wenn er uns Menschen in eine Ordnung bringt. Wenn er uns also guttut, im besten Sinne des Wortes. Und dann gibt es andere Orte, die chaotisierend wirken auf uns.

In Chartres findet sich im Eingangsbereich der Kathedrale eines der ältesten und berühmtesten Bodenlabyrinthe. Auch die Anlage eines begehbaren Labyrinths schafft durch die vorgegebene äußere Struktur eine innere Ordnung:

Man kann sich das so vorstellen, dass man in ganz vielen Kirchen des Mittelalters dann so ein Bodenlabyrinth vorgefunden hat. Und als Mensch, wenn man die Kathedrale oder Kirche betreten hat, konnte man dann das durchschreiten im Pilgerschritt, oder manche haben es auch durchtanzt.

In den letzten 50 Jahren sind im deutschsprachigen Raum über 400 begehbare Labyrinthe buchstäblich aus dem Boden gewachsen. Anscheinend trifft das Symbol einen Nerv der Zeit.

Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Zeit leben, die so komplex geworden ist und auch über so viel Möglichkeiten, Potenzial, so viele Freiheiten auch bietet, dass sie eine Grundsehnsucht oder -frage von uns Menschen ist. Wo ist denn in dieser Fülle von Möglichkeiten eigentlich jetzt noch mein Weg, mein individueller Weg, wo und wie finde ich Orientierung heutzutage? Und da scheint dieses Symbol Labyrinth ein gutes Handwerkszeug zu sein. Also ich sage das extra so ein bisschen nüchtern. Es ist eine Möglichkeit, den eigenen Weg zu reflektieren, ihn zu bewegen und zu merken, des eigentlich letzten Endes alles Prozess ist.

Ich kann das bestätigen. Auch ich gehe gerne durch Labyrinthe. Und erlebe …

Es geht anscheinend nicht um den kürzesten Weg von A nach B, sondern die Lebenserfahrung, die eigentlich jeder Mensch früher oder später macht. Dass es scheinbare Umwege gibt und was das Labyrinth einem vielleicht mit auf den Weg geben möchte, ist eben, dass da ein tieferer Sinn drinsteckt. Dass es eine Weisheit des Umweges gibt, könnte man sagen.
Man kann noch so weit in der Peripherie sein und trotzdem wird einem vermittelt: Wenn du weitergehst, werde ich dich zum Mittelpunkt, also zum Ziel führen.
Und damit hat man natürlich auch eine zentrale christliche Botschaft einem Menschen mitgegeben: Dein Weg ist geführt. Es gibt so etwas wie Gnade. Das einzige, was von dir verlangt wird, ist, setzte den nächsten Schritt, und dann werde ich dich ans Ziel führen.

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