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SWR4 Sonntagsgedanken

21NOV2021
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„So liebt und lebt der Hochadel“. Mit diesem Satz hat eine Illustrierte, die von Klatsch- und Tratschgeschichten sogenannter Promis lebt, vor kurzem für sich geworben. Es sind vor allem die bunten Blätter der Regenbogenpresse, die das Bild von Königinnen und Königen heute prägen. Die ihre Leser regelmäßig mit den neuesten Wendungen im Familienzwist der britischen Royals unterhalten. Die vermeintlich exklusive Bilder aus den schwedischen, spanischen oder monegassischen Adelsfamilien präsentieren. Wer das alles regelmäßig verfolgt, verabschiedet sich für kurze Zeit in eine glitzernde Parallelwelt. Weit entfernt immerhin vom langweilig-grauen Alltag um uns herum.

Eine Art Parallelwelt ist es gewissermaßen aber auch, die in den katholischen Kirchen heute gefeiert wird. Beim sogenannten Christkönigsfest. Vor fast hundert Jahren wird es vom damaligen Papst eingeführt. Es sind unruhige Zeiten damals. Im Europa nach dem ersten Weltkrieg liegen die alten Monarchien in Trümmern. Die junge Weimarer Demokratie in Deutschland ist alles andere als gefestigt und in den großen Städten herrschen vielfach Chaos und Armut. Das neue Fest soll den Menschen in dieser Situation Orientierung und auch Hoffnung geben. Es soll sie daran erinnern, wer für die Christen der eigentliche Herrscher ist: Der auferstandene Christus, der eines Tages wiederkommen wird. So steht es schließlich auch im christlichen Glaubensbekenntnis. Und wenn er wiederkommt, das ist die Hoffnung, wird er Gottes Reich auf Erden endgültig aufrichten. Und darin wird er der König sein. Christus Sieger, Christus König. Christus, Herr in Ewigkeit, heißt es in einer Litanei, die heute wohl auch in vielen Kirchen gesungen wird. Auch das ist die Vision einer Parallelwelt. Einer, in der Jesus Christus herrschen wird. Ein absoluter, göttlicher Monarch. Es ist die Vision einer Welt, die so anders ist und so viel besser erscheint als die, die die Menschen damals, vor fast hundert Jahren, erleben. So bekommt das Christkönigsfest, als es entsteht, nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Dimension.

Ob diese Idee aber heute noch begeistern kann? Die Könige und Königinnen heute bevölkern eher die Illustrierten. Wirkliche Herrscher mit Macht sind sie nicht mehr. Und weit weg scheint für die Mehrheit auch die Faszination eines absoluten Alleinherrschers. Von einem, der von oben herunter alles bestimmt. Fast achtzig Jahre Demokratie haben in unserem Land Spuren hinterlassen. Was für ein Glück. Schon darum wirkt ein Fest Christkönig seltsam aus der Zeit gefallen. Jedenfalls, wenn sich damit so eine Art absoluter Monarchie verbindet. Sicher, da gibt es diesen Halbsatz, den Katholiken immer noch jeden Sonntag im Gottesdienst beten: … bist du kommst in Herrlichkeit! Doch mir fällt es ziemlich schwer, mir dabei einen mit Pauken und Trompeten und himmlischen Gefolge einziehenden Herrscher vorzustellen. Damit kann ich wenig anfangen. Doch was soll dann dieses Fest? Wozu noch Christkönig? Eine Antwort darauf könnte in dem Bibeltext liegen, der in den katholischen Gottesdiensten heute verlesen wird. Denn auch der spricht von einer anderen Welt.

MUSIK

Um das Fest Christkönig geht es heute in den Sonntagsgedanken und darum, ob es mir überhaupt noch etwas sagen kann.

Wenn ich den Bibeltext dieses Festes lese und auf mich wirken lasse, dann führt er mich nach Jerusalem. In den Amtssitz des römischen Statthalters Pontius Pilatus. Er war derjenige, der Jesus damals zum Tod verurteilt hat und hinrichten ließ. Davor aber hat er ihn verhört. Und er hat ihm vorgehalten, Jesus selbst habe sich schließlich als König bezeichnet. Eine Anmaßung. Schlimmer noch: Ein Sicherheitsrisiko für die römischen Machthaber. Jesus widerspricht ihm auch nicht. Ja, sagt er, ich bin ein König. Aber: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Will heißen: An euren Machtspielen habe ich gar kein Interesse. Ich bin zwar ein König – aber nicht hier, sondern in der Welt Gottes. Damit aber kann der Römer Pilatus nicht das geringste anfangen. Dieser komische, selbst ernannte König, den sie ihm da gebracht haben, bleibt ihm suspekt. Wenig später lässt er den potentiellen Unruhestifter kreuzigen. So jedenfalls erzählt es der Evangelist Johannes.

Ein König nicht von dieser Welt. Das ist eine Spur, der ich folgen kann. Denn sagt das nicht derselbe Jesus, der auch gesagt hat: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, … ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein (Mk 10,42f).“ Das ist eine Umkehrung all dessen, was gemeinhin so gilt. Die Vision einer Welt, in der der Gegensatz von reich und arm, von wichtig und unwichtig, von oben und unten aufgehoben ist. In der vielmehr gilt: Selig sind die Armen. Ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Traurigen. Sie werden getröstet. Und selig sind auch alle, die keine Gewalt anwenden. Ihnen gehört die Zukunft. Und zu diesem seltsam anderen Königreich würde ja wirklich kein König passen, der mit Prunk und Protz und Gloria daherkommt. Mit all diesen gängigen Vorstellungen, wie Macht und Herrlichkeit auszusehen hat. In diese andere Welt, da passt nur ein König, der auch das Dunkel kennt. Einer, der nicht darauf schielt, was ihm am meisten nützt oder Ansehen einbringt. Der stattdessen in die Abgründe geht, in die Menschen geraten können. Ein König von unten quasi.

Mit so einem Christkönig kann ich dann auch etwas anfangen. Als Stachel im Fleisch. Und als Erinnerung daran, wie weit wir auch als Christen in der Kirche von diesem Reich noch entfernt sind.

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