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SWR1 Begegnungen

21NOV2021
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Jakob Blasel Copyright: Sven Brauers

Jakob Blasel kämpft für Klimagerechtigkeit und Menschenwürde

Begegnungen mit Christopher Hoffmann...

Und mit Jakob Blasel, der in seiner Heimat Kiel die erste Demonstration von Fridays for Future  mitorganisiert hat und zu den Gründern der Klimabewegung in Deutschland zählt. Das war 2018 und als Schüler steckte Jakob gerade voll im Vorabitur:

Ich hab mein Vorabi am Tag vor der ersten Demo geschrieben und kam so aus dem Mathe-Vorabi raus und hatte sechs Anrufe von irgendwelchen Fernsehteams verpasst und es war schon ein bisschen eine absurde Situation.

Es folgten viele Auftritte vor der Kamera in Talkshows. Auf Demos stand Jakob neben Greta Thunberg und seine Freizeit nutzte er komplett, um hunderttausende junge Menschen in Deutschland im Klimaschutz zu vernetzen. Jakob engagierte sich aber schon vor Fridays for Future. Sein Aha-Erlebnis war ein Dokumentarfilm, der zeigte wie Menschenrechte und Umweltstandards in der Textilindustrie verletzt werden:

Das hat mich irgendwie wahnsinnig beschäftigt, auch so dieser Zwiespalt zwischen: ich bin jung und hab wenig Geld und möchte aber eigentlich nachhaltiger und bewusster leben und ich möchte eigentlich nicht, dass Leute ausgebeutet werden, dafür dass ich mir ein billiges T-Shirt kaufen kann.

Jakob stellt von da an seinen Konsum um: mit fairer Kleidung oder Second-Hand-Artikeln versucht er konsequent bei sich anzufangen. Ihm wird in dieser Zeit aber auch klar: Wirklich ändern kann sich nur etwas, wenn der Kampf für Menschenrechte und Umweltstandards politisch angegangen wird, zum Beispiel mit einem Lieferkettengesetz und der Einhaltung der Klimaziele. Jakob wird zum Aktivist. Dabei hat ihn- so glaubt er rückblickend – auch sein katholischer Glauben und sein Engagement in der Kirchengemeinde geprägt:

Ich hab viel Zeit in der Kirche verbracht und mich hat das natürlich geprägt dieses Selbstverständnis von Nächstenliebe, von globaler Solidarität. Deswegen kommt da glaub ich viel zusammen, was ich persönlich wichtig finde und wofür ich brenne. Natürlich sind auch schon Menschen hier in Deutschland betroffen, das merken viele Bäuerinnen und Bauern, gerade mit trockenen Feldern, das merken die Menschen, die von der Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz betroffen waren, aber auf der anderen Seite, hat das auch viel mit globaler Solidarität zu tun, weil am schlimmsten betroffen aktuell sind Menschen in Ländern des globalen Südens - und das muss uns immer wieder vor Augen geführt werden, wenn wir von globaler Gerechtigkeit reden: das geht nicht ohne konsequenten Klimaschutz.                                               

Und dabei ist er auch inspiriert von dem Heiligen für die Schöpfung überhaupt, von Franz von Assisi. Der hoffte wie Jakob auf Reformen – in Kirche und Welt:

Ich komme tatsächlich ursprünglich auch aus der Gemeinde Franz von Assisi, so heißt unsere Pfarrgemeinde und ich war auch schon in Assisi: Diese Überlegung, dass eben alle Menschen das Recht haben gut zu leben, dass wir auch immer wieder hinterfragen müssen - das ist ja auch eine Idee von Franz von Assisi, die Kirche neu aufzubauen -  dass wir immer wieder hinterfragen müssen, ob Strukturen wie sie jetzt gerade funktionieren überhaupt unserem Glück und Menschen dienen, ob sie unseren Überzeugungen dienen. Und vielleicht auch so dieses leicht Rebellische, das verbindet mich damit ein wenig.

Ich spreche mit Jakob Blasel, der zu den Gründern von Fridays for Future in Deutschland zählt und sich als junger Katholik in seiner Kieler Gemeinde engagierte. Heute steht er der Institution Kirche auch kritisch gegenüber. Aber er bleibt der Botschaft verbunden und hat Erwartungen an Kirche-auch im Bezug auf den Klimaschutz:

Es gibt das ökumenische Netzwerk Klimagerechtigkeit und die setzen sich eben dafür ein einmal die gesellschaftliche Debatte rund um die Klimakrise eben auch in den Kirchen zu führen und es auch zu schaffen diese Bewahrung der Schöpfung immer wieder in den Vordergrund zu stellen. Und ich finde das ist auch eine Rolle, die Kirchen einnehmen können. Kirchen waren ja mal der Ort, wo über solche Zukunftsfragen und moralischen Fragen auch diskutiert wurde und das finde ich ist auch eine Verantwortung, die Kirchen mehr übernehmen können auch im Hinblick auf die Klimakrise.

Das Klima zu schützen bedeutet für Jakob immer auch Menschen zu schützen - die vielen in Afrika oder Ozeanien, die schon heute unter Dürren oder Überschwemmung leiden – und seine Generation in Deutschland, die mit den Folgen wird leben müssen. Klimaschutz ist für ihn kein Selbstzweck, sondern eine Frage von Sinn:

Ich glaube, dass wir alle eine Verantwortung tragen, dass wir alle danach streben können einen Sinn in unserem Leben zu finden und das finde ich schon was, was glaub ich viele Menschen bewegt - die Suche nach einem Sinn und einer Bedeutung im Leben. Und das ist glaub ich letztendlich auch das, was Gesellschaft prägt.

Um unsere Gesellschaft politisch mitzuprägen hin zu einer klimagerechten Welt, kandidierte der 21-jährige vor zwei Monaten auch für die Grünen im Bundestag.  Auch wenn sein Listenplatz am Ende nicht gereicht hat, so nimmt er doch wichtige Erfahrungen aus diesem Wahlkampf mit:

Ich war ja auch viel in meinem Wahlkreis unterwegs. Und das ist einfach schon sehr spannend welchen Menschen ich da überall begegnen durfte, mit welchen Unternehmen und Initiativen ich da gesprochen hab und wirklich zu verstehen, was in so einer Region gerade alles vor sich geht. Also das hat mich auf jeden Fall sehr geprägt und mein Respekt vor Menschen, die wirklich Verantwortung in diesem Land tragen, ist seitdem stark gewachsen und gleichzeitig entbindet das ja niemanden davon auch schwere Entscheidungen zu treffen.

Entscheidungen, die den jungen Politiker und Aktivisten, der nun erst mal Jura studiert, weiterhin umtreiben, weil die Zeit drängt:

Es ist einfach so, dass wir Tag für Tag uns immer mehr daran annähern Kippelemente zu überschreiten, also unüberwindbare Punkte, wo sich die Klimakrise verschärft. Wir können noch was tun und das ist wichtig, weil sonst erstarren wir in Angst und Handlungsunwillen, aber das was wir tun, das muss entschieden sein, das dürfen keine halben Sachen sein: in jeder Institution, in jeder Firma, in jedem Staat.

Jakob, der in seiner Freizeit als Leistungssportler gerne Langstrecke läuft, wünsche ich viel Ausdauer bei seinem Kampf für mehr Klimagerechtigkeit. Und mich hat er mit seiner gewinnenden Art neu motiviert, in diesem Marathon gegen die Klimakrise mit loszulaufen. Denn gewinnen können wir ihn nur gemeinsam.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34330