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SWR4 Abendgedanken

25NOV2021
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Ich befürchte, ich habe da etwas gründlich missverstanden. Und zwar schon mein ganzes Leben lang. Ich bin katholisch aufgewachsen, war Ministrantin, habe mich in der Jugendarbeit engagiert und Erstkommunion und Firmung gefeiert. In meinem Lebenslauf hat ein Ereignis bislang aber immer gefehlt: Ich bin noch nie bei der Beichte gewesen. Weil ich das für nicht notwendig hielt. Ich hatte nichts Schlimmes angestellt. Und den Rest meines Lebens konnte ich gut mit mir selbst ausmachen; dazu fühlte ich mich mündig genug. Der Beichtstuhl war in meiner Vorstellung ein Ort, an dem ich irgendein Geständnis ablegen sollte. Und mir ein Priester dann zusagt, meine Sünden seien mir vergeben.

Ich habe zum ersten Mal eine andere Idee von Sinn und Wesen der Beichte bekommen, als ich meine Kinder in der Vorbereitung zur Erstkommunion begleitet habe. Sie hatten da die Möglichkeit, mit dem Pfarrer ein Beichtgespräch zu führen. Die Kinder kamen unbeschwert und, so hatte ich den Eindruck, auf eine wohltuende Art andächtig aus den Beichtzimmern zurück. Eines der Kinder sagte damals sogar: „Es hat gekribbelt, ich glaube da war Gott im Raum“.

Das hat mich aufhorchen lassen. Und dann habe ich mich selbst auf den Weg gemacht. Um herauszufinden, was bei der Beichte eigentlich wirklich geschieht. Und das war ganz anders, als ich es mir immer vorgestellt hatte. Ich habe erzählt. Von all dem, was mich derzeit in meinem Leben bewegt. Was mir Sorgen bereitet, was gut läuft, womit ich nicht zufrieden bin und auch, mit welchen Entscheidungen in meinem Leben ich hadere. Die Beichte habe ich als Gespräch erlebt, mit einem Priester, der aufmerksam zugehört hat. Und am Ende war es ganz und gar kein himmlisches Urteil, das er über mich gesprochen hat. Im Gegenteil. Ich bin mit dem Gefühl nach Hause gegangen: Nichts ist aussichtlos. Bei und mit Gott gibt es immer einen Anfang. Ich bin zwar für mich selbst verantwortlich, aber ich muss keinen Weg alleine gehen. Es war auf eine schöne Weise heilsam.

Heute empfinde ich die Beichte als eine Chance, von Zeit zu Zeit zur Ruhe zu kommen. Und dabei immer wieder auf einen Abschnitt meines Lebenswegs zu blicken. Mir ist klar geworden, dass das Leben nun mal fragmentarisch ist. Aber in diesen Bruchstücken einen Plan zu entdecken – genau dabei hilft mir das Beichtsakrament.

Und falls mich jemand fragt, ob ich zur Beichte gehen weiterempfehlen würde - Ja, auf alle Fälle!

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