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SWR4 Abendgedanken

23NOV2021
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Familien zelten im Wald und versammeln sich nachts um ein Lagerfeuer. Nein, die Bilder aus der Grenzregion zwischen Polen und Belarus haben definitiv nichts mit einem idyllischen Familienausflug zu tun. Diese Bilder entsetzen mich. Menschen ernähren sich von Blättern und trinken aus Pfützen. Mitten in Europa drohen Kinder zu verhungern oder zu erfrieren, weil sie zum Spielball zwischen Staaten geworden sind. 

Es steht ganz außer Frage: Eine politische Lösung ist hier zwingend notwendig! Aber trotzdem empört es mich, wenn die ersten Sätze deutscher Politiker in dieser Situation lauten: Das Wichtigste ist jetzt, die Grenze zu sichern. Ich finde das beschämend.

Mir ist es gerade jetzt wichtig, eine kleine Begebenheit zu erzählen. Sie steht dafür, dass es Wege gibt, wenn auch nur im Einzelnen. Und das macht Mut.

Vor einigen Jahren ist ein syrisches Ehepaar mit seinen zwei Kindern nach Deutschland geflohen. Im Bürgerkrieg in ihrem Heimatland haben sie Familie und Freunde verloren, auch der Bruder des Mannes und dessen Eltern sind getötet worden. In Syrien hatte der Familienvater damals als Arzt gearbeitet. Nach einem langen und mühsamen Weg durch Behörden und Kammern haben sie es geschafft. Die Familie darf bleiben, der Vater lernt so lange Deutsch, bis er wieder als Arzt arbeiten darf. Heute ist er Chirurg in einer großen Klinik.

Dann erfährt er von dem, was derzeit zwischen Polen und Belarus passiert und wie mit den Flüchtlingen dort umgegangen wird. Er entscheidet sich, ein kurdisches Ehepaar bei sich aufzunehmen. Die beiden sind über Belarus nach Polen geflohen und haben es bis Deutschland geschafft. Sie sind jetzt in der kleinen Familienwohnung des Arztes untergekommen. Er sagt, für ihn ist das eine Chance, etwas zurückzugeben. Er sei sehr dankbar. Dem Land Deutschland, den Behörden, der Ärztekammer – und auch seinem Chef in der Klinik. Der hat ihn unterstützt und gefördert. Und der ist mittlerweile froh, den syrischen Arzt in seiner Abteilung zu haben.

Zufällig erfährt der Chefarzt davon, dass sein syrischer Kollege vor Kurzem das kurdische Paar bei sich aufgenommen hat. Er ist tief beeindruckt. Und nicht nur das. Er denkt über seine eigene Situation nach: Er hat ein großes Haus mit Garten, die erwachsenen Kinder sind bereits ausgezogen. Nur noch er und seine Frau leben im Haus. Eine kleine Einliegerwohnung gibt es in dem Haus obendrein. Auf eine Vermietung ist er nicht angewiesen. Und dann trifft der Chefarzt eine Entscheidung: Er hat jetzt einen Antrag gestellt und möchte Flüchtlinge von der polnischen Grenze aufnehmen. Es ist ein komplizierter Weg durch die Instanzen, doch er will es versuchen. 

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