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SWR2 Wort zum Tag

24NOV2021
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Jammern – das muss auch mal sein. Du musst gelegentlich wirklich klagen dürfen –  einfach über’s Wetter, aber auch über die schmerzenden Gelenke, über die Kinder oder die Eltern, die sich unmöglich benehmen.

Ja, sagen die Psychologen: Das eigene Leid bei jemand abladen können, ein offenes Ohr finden dafür, dass es mir gerade weniger gut geht –  das braucht einfach jede und jeder mal; an all dem Unglück droht man sonst beinah zu ersticken.

Allerdings sagen die Fachleute auch: Bitte gut überlegen, wo du dich beklagst und bei wem. Unter Freunden, im Beichtstuhl vielleicht, in vertrauten Kreisen: okay. Wer es am Arbeitsplatz tut, vielleicht sogar regelmäßig, gilt schnell als Nörglerin oder Meckerer. Sachliche Kritik, rational begründete Problemanalyse ist oft willkommen. Aber ständig klagen und jammern: das ist doch viel zu emotional. Weichei!

In der Bibel hat der Jammer einen eigenen Platz. “Ich schütte vor Gott meine Klagen aus, eröffne ihm meine Not. Niemand beachtet mich… ich bin arm und elend…“ In solchen Klage-Liedern haben schon vor ein paar tausend Jahren Menschen ihren ganzen Jammer vor Gott ausgebreitet.

Wer sich auf Gott verlässt, kann und soll das auch heute noch tun. Wie der Trierer Pfarrer Stephan Wahl, der in Jerusalem lebt;  er stammt aus dem Ahrtal – und hat nach der tödlichen Flut im Juli einen Klage-Psalm geschrieben: über so viel Zerstörung, so viel Leid in der Heimat; und über so viele Tote und Verletzte, auch aus dem eigenen Familienkreis. Der Gipfel seiner Klage:  Ich „werfe … meine Tränen in den Himmel  meine Wut schleudere ich dir, Gott, vor die Füße. Hörst du mein Klagen, mein verzweifeltes Stammeln, ist das auch ein Beten in deinen Augen? Dann bin ich so fromm wie nie, mein Herz quillt über von solchen Gebeten.“

Klage und Jammer muss mal sein – und auch lange, gerade im Ahrtal. Dauer-Klage immer und überall, glaube ich, ist aber gefährlich. Macht den Menschen negativ und vielleicht sogar dauerhaft unglücklich. Deswegen wünsche ich mir und anderen mindestens ebenso sehr eine andere Perspektive. Die finde ich bei Stephan Wahl – und auch in der Bibel.

Gott schaut sich die Schöpfung an, ganz am Anfang. Und dann steht da: Es war alles sehr gut. Ja, ich darf erst einmal das Gute sehen, wenn ich mein Leben betrachte. Das Falsche auch und es kritisieren; das Böse bekämpfen, wo es geht. Aber erst mal das Gute sehen und Gott dafür danken,  dass er auch im Leid an meiner Seite steht.

Und jede und jeder darf hoffen: Irgendwann wird alles gut!

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