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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

24NOV2021
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„Ich bin neidisch auf Sie.“ Das hat Ahmad Milad Karimi neulich in einem Vortrag gesagt. Ahmad Milad Karimi ist ein Religionsphilosoph und gläubiger Muslim. Den Vortrag hat er vor lauter Christen gehalten. Ich war auch dabei. Und ich habe von ihm gelernt, was Toleranz bedeutet.

„Ich bin neidisch auf Sie“ – Ahmed Milad Karimi hat auch gesagt, warum er das ist. Weil Christen glauben können: Gott liebt die Menschen so sehr, dass er in Jesus selbst Mensch geworden und sogar für sie gestorben ist. „Es gibt keinen größeren Gedanken“, hat Ahmad Milad Karimi gesagt.

 „Wow“, habe ich gedacht, als ich das gehört habe. Mich hat beeindruckt, wie gut dieser muslimische Theologe Bescheid darüber weiß, was Christen glauben. Und ich habe mich darüber gefreut, wie sehr er meinen Glauben wertschätzt.

Gleichzeitig hat mich Ahmad Milad Karimi auch ein bisschen beschämt. Ich habe mich gefragt: Beschäftige ich mich als Christ genauso intensiv mit seiner Religion wie er mit meiner? Versuche ich zu verstehen, was einen Muslim an seinem Glauben fasziniert? Gehört das nicht auch zur Toleranz dazu?

Toleranz meint ja zuerst: Ich ertrage den anderen, obwohl er anders ist als ich. Da kommt das Wort Toleranz auch her: vom lateinischen tolerare. Das heißt übersetzt: jemanden erdulden oder ertragen. Toleranz im Glauben heißt also: Ich halte es aus, dass ein anderer Mensch anders glaubt als ich. Ich kann das ertragen. Ich muss ihn nicht dazu zwingen, das gleiche zu glauben wie ich –schon gar nicht mit Gewalt. Ich finde diese Grundbedeutung von Toleranz absolut wichtig. Wenn sie jeder beherzigen würde, dann würde es friedlicher zugehen in der Welt.

Ahmad Milad Karimi hat mir gezeigt: Toleranz kann noch einen Schritt weitergehen.  Ich kann den anderen nicht nur ertragen. Ich kann auch versuchen, ihn zu verstehen und zu entdecken, was das Besondere, was das Schöne, an seinem Glauben ist. Dann steht der Friede zwischen uns noch auf einem viel festeren Fundament als wenn ich mein Gegenüber nur erdulde.

Wichtig finde ich dabei: Toleranz heißt nicht, ich muss das, was der andere glaubt, richtig finden. Ich kann es mir anschauen und wertschätzen und dann doch bei meinem eigenen Glauben bleiben. Schließlich ist der Glaube eine tiefe Überzeugung. „Ich bin neidisch auf Sie, weil  Sie glauben können, dass Gott Mensch geworden ist“, hat der Muslim Ahmad Milad Karimi gesagt und dann hinzugefügt: „Ich kann das nicht glauben“.

Er bleibt bei seinem Glauben. Und ich als Christ bleibe bei meinem.

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