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SWR2 Wort zum Tag

21OKT2021
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Zurzeit verbringe ich viel Zeit auf der Autobahn. Seit viele Leute aus dem Homeoffice zurück auf den Straßen sind, ist der Verkehr wieder dichter. Meistens kalkuliere ich genug Zeit ein, um auch mit Verzögerungen noch rechtzeitig anzukommen. Trotzdem stecke ich oft im Stau und gerate in Stress. Manchmal folge ich dann der Stimme meines Navis und lasse mich auf abenteuerlichen Umwegen durch die 30er-Zonen der umliegenden Ortschaften leiten. Zur Entspannung trägt das allerdings nur selten bei, denn die Frage, ob sich der Umweg wohl lohnt, zerrt auch gewaltig am Nervenkostüm. Neulich habe ich deshalb etwas Verrücktes gemacht. Ich habe angehalten. Und zwar an einer Autobahnkirche. An dem Schild mit der weißen Kirche auf blauem Grund bin ich schon oft vorbeigefahren. An diesem Tag bin ich ihm spontan gefolgt. Runter von der Autobahn. Runter vom Gas. Raus aus dem Auto.

Die Architektur der Kirche hat mich sofort in ihren Bann geschlagen. Sie sieht ein bisschen aus wie ein großes Zelt. Oder wie eine kleine Pyramide. Vier Obelisken verstärken den orientalischen Eindruck. Im Innern hat mich dann eine große Stille empfangen. Und erst in diesem Moment ist mir bewusst geworden, wie laut der Verkehr draußen ständig brummt. Außer mir war niemand da. So viel Platz nur für mich. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt und gemerkt, wie sich mein Atem langsam der Umgebung angepasst und entschleunigt hat. Dann habe ich in dem Buch geblättert, in dem für jeden Tag die Namen der Verkehrstoten festgehalten sind, die in der Nähe verunglückt sind. Die Seite mit dem aktuellen Datum war leer. Da habe ich ein kurzes Dankgebet in den Himmel geschickt. 

45 Autobahnkirchen gibt es in Deutschland. Keine ist mehr als einen Kilometer von einer Ausfahrt entfernt. Alte Dorfkirchen haben eine neue Bestimmung gefunden und sind jetzt ein Rastplatz für die Seele. Und es gibt viele Neubauten, kühne Architekturgebilde, die keiner breiten Mehrheit gefallen müssen, sondern ganz der Idee verpflichtet sind, Menschen unterwegs für einen Augenblick zu beherbergen.

Wie lange meine Pause an der A 5 schließlich gedauert hat, kann ich nicht sagen. Wieder zurück im Verkehr, hatte sich der Stau leider noch nicht aufgelöst. Aber ich selbst war ruhiger. Geduldiger. Dankbarer. Und bin wohl behalten zuhause angekommen.  

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