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SWR1 Begegnungen

24OKT2021
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Sarah Köhler Foto: Michael Blaser

Mensch macht Erde (kaputt?)

Heidelberg Hauptbahnhof, da arbeitet sie. Allerdings mit Zügen hat die junge Theologin wenig zu tun. Sie ist die Referentin der Ökumenischen Arbeitsstelle Anthropozän. Und fragt: wie übersteht die Erde dieses neue Zeitalter, in das der Mensch sie gebracht hat? Was ist Anthropozän?

Eine Gegenwartsdiagnose aus der Naturwissenschaft, die besagt, dass der Mensch als Art die erste Art ist, die wirklich Einfluss im globalen Ausmaß nimmt auf erdsystemische Prozesse.

Die Klimakrise ist ein Zeichen für das Anthropozän. Und es treibt sie um, was Kirche und Theologie dazu beigetragen haben. Und sie hofft, dass sie auch eine positive Rolle spielen bei der Bewältigung der Aufgaben. Und zwar jetzt!

Wir sind am Aufwachen und wir wissen, wenn die Geschichte der Welt enden würde, endet auch der Lebensraum, in der sich die Geschichte mit Gott ereignet. Theologisch würden wir eben sagen, der „Erdling“ ist auf die Erde angewiesen.

„Erdling“: ein schönes altes Wort, dass der Mensch mit der Erde verbunden ist. Eine zweite können wir nicht schaffen.
Ja, es passiert schon Gutes in Sachen Klimakrise. Auch in den Kirchen. Aber es muss oberste Priorität bekommen.

Wenn Kipp-Punkte erreicht sind, dann leben wir als Menschheit in völlig veränderten Lebensgrundlagen, und dann sind Prozesse eingeleitet, die uns vermutlich entgleiten.


Was treibt Sarah Köhler an? Sie verblüfft mich: nicht Katastrophenangst, auch nicht der Glaube, dass sie die Erde retten könnte. Sie motiviert ein positives Bild: Die Erde kann werden wie ein großes Konzert.

Musiker üben sich noch ein und es klingt schief und schräg, und wir haben schon eine Vorstellung dessen, wie dieses Konzert sein wird. Ich glaube an die Menschheit, ich glaube an die Schaffenskraft und die Schöpferkraft und all das, was wir kulturell geleistet haben. Wir haben viele Instrumente da, um eine Welt zu einem Konzert zu spielen, wo alle Menschen zumindest eine Grundsicherung haben und wo ökologische Systeme in ihrer Regeneration bedacht werden. Und wir müssen das noch orchestrieren.

Sarah Köhler macht klar: Damit das Zusammenleben nachhaltig und gerecht werden kann, dafür müssen viele Grundlagen des Erdsystems neu gestimmt werden. Einzeln ist man überfordert.

Das größte individuelle Einflussinstrument ist demokratische Teilhabe. Wir brauchen Gesetze, die neu justiert werden, wir brauchen Wirtschaftsstrukturen, wir brauchen moralische Parameter. Die müssen systemisch verankert werden, damit es nicht zur Dauerüberforderung des Individuums kommt.

Das finde ich prima, wie sie scheinbar Gegensätzliches zusammenbringt: Politisch Druck machen und an die Menschheit glauben. Die Gefahren für die Erde laut benennen und Hoffnungsbilder entwerfen.

Es braucht Erzählungen, Geschichten, wofür wir die Sicherheit des Jetzt aufgeben und was es abzuwenden gilt. Und das in eine Sprache zu bringen, die eben nicht diese Resignation auslöst.

paradising

Sarah Köhler ist Theologin, Anfang 30. Wie viele – und wie ich finde, besonders Frauen – hat sie kapiert: Der Mensch hat die Erde in ein neues Zeitalter gebracht, ins Anthropozän. Und an Abgründe. Aber sie glaubt, dass die Menschheit Gutes schaffen kann. Mit Kollegen zusammen hat sie dafür ein neues Wort: paradising.

Wer Klarheit darüber will und Gewissheit, wofür wir was aufgeben oder umgestalten oder umbauen müssen, der darf nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie er davon spricht. „Paradisieren“ ist ein verbaler Begriff, er triggert einen Aktivismus, ein Eingreifen und Nominalismus triggert Zustände. Wir wollen verbaler formulieren, damit es aktiviert.

„Paradisieren“ bedeutet nach vorne schauen. Aktiv Zukunft gestalten. Positive Phantasie. Und es steckt ein Paradigmenwechsel drin, wie wir uns als Menschen sehen: Wie können wir als Menschen gut werden für Menschen und die Erde?

Es geht nicht nur darum, einen Zustand in Bewahrung zu halten, sondern ökologisch zu wirken und sozial zu wirken.
Eine arbeitende Gemeinschaft, die sich im Miteinander darum kümmert, dass es sowohl den Mitmenschen gut geht und die unsere Lebenswelt komplett ernst nimmt.

Ich verstehe sie so: „lebe aktiv und bewusst, kümmere Dich um die Erde, um Mitgeschöpfe, um Menschen.“ Und wie kann ich konkret „paradisieren“? Vier Felder nennt sie. Z.B. „Paradiese schützen“:

Ökologische Systeme, wie sie teilweise stabil oder unberührt noch vorhanden sind, unberührt zu lassen.
‚Paradiese schaffen‘: Wir gestalten ganz konkret Gesellschaft und Gesellschaftsformen, die nicht nur menschliche Gesellschaften denken, sondern Mensch-Natur-Gesellschaften.
Dann ‘Paradiese sind schon da‘. Wahrnehmen, wo wir Inseln geschaffen haben.

Und das vierte: „Paradiese entstehen“. Also sie zulassen und darin lernen. Sarah Köhler macht deutlich. „Paradisieren“ braucht uns aktiv. Zurück, vors Anthropozän, geht nicht. Entscheidend ist, was wir mit unserer Macht machen. Und wo bleibt da Gott?

Der ist und bleibt der Regisseur unserer Erde, unseres Schaffens. Ich für mich als Theologin habe entschieden, mich nicht mit seinem Regisseursein zu beschäftigen, sondern mit unserer Rolle, die wir zu spielen haben in der Welt.

Noch was findet sie gut an paradising: „Paradies“ - das aktiviert auch Menschen, die nicht religiös sind. Allerdings, es gibt auch falsche Paradiese: wenn man sie nur für sich haben will. Oder welche baut, die andere kaputt machen.

Diese Vorstellung einer wunderschönen Welt, in der es mir gut geht, in der Naturraum funktioniert. Die ist allgegenwärtig. Das ist eine Sehnsucht, die ganz viele Menschen teilen.

Ich hoffe, Sarah Köhler hinterlässt bei mir diese nachhaltige Wirkung: Wir können Paradiese aktiv fördern. Für alle Geschöpfe, das Ganze.

Paradising: mehr Infos dazu finden Sie hier

zu Dr. Sarah Köhler und die Arbeitsstelle Anthropozän gibt es weitere Infos hier

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34126