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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

20OKT2021
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Unserem Rechtssystem wird manchmal vorgeworfen, es sei zu lax, strafe nicht hart genug und lasse die Täter zu billig davonkommen. Dass unser Strafrecht aber in Wirklichkeit einen hohen moralischen Anspruch hat und mit Verantwortungslosigkeit hart ins Gericht geht, zeigt das folgende Ereignis:

Drei junge Männer und eine junge Frau verlassen nachts betrunken eine Shisha-Bar. Auf dem Weg zum Parkhaus geht einer der jungen Männer torkelnd voraus. Er stolpert am Ufer eines Kanals. Die Freunde finden ihn wimmernd und halb im Wasser liegend. Die Frau filmt ihn mit dem Handy, auch noch als er versucht herauszuklettern und dabei vollständig ins Wasser fällt. Der junge Mann ertrinkt.

Das zuständige Gericht verurteilt zwei der Freunde zu langen Haftstrafen. Ein hartes Urteil. Das mag verwundern. Schließlich waren alle betrunken und die drei haben ja nichts getan. Doch genau das wirft ihnen der Richter vor. Sie hätten das Opfer im Stich gelassen, obwohl sie verpflichtet waren, ihm beizustehen, und dadurch sei der Tod des jungen Mannes verursacht worden. Besonders der beste Freund, der sich unter den drei anderen befand, sei zur Hilfe verpflichtet gewesen.

Ich finde dieses Urteil bemerkenswert, weil es mit den Mitteln des Rechts einen sehr hohen moralischen Anspruch erhebt. Die jungen Leute werden nicht bloß wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt. Sondern das Gericht behandelt sie wie Täter, die einen anderen in hilfloser Lage aussetzen und sterben lassen. Weder ihre Trunkenheit, noch ihre Tatenlosigkeit schützen sie vor schwerer Strafe.

Im Alten Testament steht die Geschichte von Kain und Abel, den Söhnen von Adam und Eva. Kain erschlägt seinen Bruder Abel aus Eifersucht. Als Gott von Kain wissen will, wo denn sein Bruder geblieben ist, fragt Kain: Bin ich der Hüter meines Bruders? Unsere Rechtsordnung beantwortet diese Frage ziemlich klar: Ja, ich bin der Hüter meines Bruders. Und auch der Hüter eines jeden Menschen, der sich auf mich verlassen können muss. Zum Beispiel weil ich sein bester Freund bin. Und es ist keine Entschuldigung, dass ich ja gar nichts getan habe. Auch Nichtstun macht verantwortlich. Denn ich bin nun mal der Hüter meines Bruders.

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