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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

18OKT2021
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Was für mein Christsein wesentlich ist, macht mir eine kurze Geschichte aus dem Johannesevangelium deutlich:

Jesus und seine Mutter Maria sind zu einer Hochzeit eingeladen. Offenbar ein großes Fest, bei dem ordentlich zugelangt wird. Denn irgendwann ist der Wein all. Das ist ärgerlich für die Gäste und peinlich für die Gastgeber. Die Mutter Jesu macht ihren Sohn darauf aufmerksam, er aber sagt nur: Wart`s ab. Doch dann richtet er seinen Blick auf sechs große Wasserkrüge zu je hundert Litern. Jesus lässt sie bis zum Rand mit Wasser füllen und beauftragt einen Diener, dem Hochzeitsmanager eine Probe zum Verkosten zu bringen. Der probiert und stellt fest: Er hat hier allerbesten Wein vor sich. Das Wasser ist zu Wein geworden. Die Hochzeit ist nicht nur gerettet, sie hat auch einen weiteren Höhepunkt, nämlich einen erlesenen Spitzenwein. Und davon gleich 600 Liter.

Auf den ersten Blick klingt das gar nicht fromm, und 600 Liter Wein riechen nach einem haltlosen Besäufnis. Doch die jüdischen Zuhörer haben die Geschichte sofort verstanden: Der Wein ist ein Zeichen des Friedens, denn sein sorgsamer Anbau setzt Friedenszeiten voraus. Und Wein in Hülle und Fülle, das ist ein Zeichen, dass der Messias, dass der Retter da ist. Das Hochzeitsfest ist der richtige festliche Rahmen um zu zeigen: Jetzt geht`s los, jetzt beginnt die gute Zeit für alle Menschen. Der Evangelist Johannes stellt diese Geschichte an den Anfang seines Evangeliums, weil sie den Grundton für alle folgenden Geschichten über Jesus angibt: Jetzt geht es los mit der Fülle und der Freude für alle. Und sie nimmt kein Ende.

Dieser fulminante Start ist mehr als eine schöne Geschichte. Johannes macht deutlich, was zum Wesen des christlichen Glaubens gehört: Nicht berechnende Kleinlichkeit, sondern freigiebige Fülle, randvolle Gefäße, aus denen frei in Festlaune verteilt wird. Ich bin dafür, dass diese Geschichte vor kirchlichen Treffen und Sitzungen verlesen wird. Damit bei allen Sorgen - und vielleicht auch Ängsten - klar ist, worum es beim Glauben geht: Um Fülle für alle.

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