Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

18OKT2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mein erster Weg geht morgens zum Briefkasten. Ich hole die Zeitung heraus und lese die Schlagzeilen - und noch vor dem Frühstück einzelne Artikel. Das ist bei mir wie ein Ritual – schon seit vielen Jahren.

Ich kenne Menschen, die diesen Blick in die Welt der Nachrichten am Morgen bewusst rauszögern. Sie sagen mir: „Das regt mich zu sehr auf. Das beunruhigt und betrübt mich. Das schafft in mir eine miese Stimmung - erzeugt manchmal auch Bitterkeit.“

Kritischer Journalismus sorgt für eine kritische Berichterstattung. Gut so, recht so. Es geht darum, Missstände, Kritik und Krisen zu benennen. Verbrechen sollen nicht verheimlicht werden, Katastrophen müssen erwähnt werden. Auch wegen der Empathie mit Betroffenen. Die Frage ist nur: Wann soll mich das erreichen? Soll das meinen Tag eröffnen? Soll das ganz am Anfang stehen? In einem Morgenlied von Christian Fürchtegott Gellert heißt es:
„Mein erst Gefühl sei Preis und Dank – erheb IHN meine Seele!“ (EG Nr. 451)
Gellert beginnt seinen Tag mit dieser Haltung:
„Lob und Dank dem Ewigen, dass ich wieder im Leben dabei sein darf.“

Das ist sein Fundament. Und von da aus bekommen alle anderen Eindrücke und Gefühle ein anderes Gewicht und Gesicht – einen anderen Rahmen. Auf den Spuren dieses Liedes will ich meinen Tagesbeginn umgestalten und den Nachrichten etwas vorschalten.

Zum Beispiel Worte aus Psalm 36:
„HERR, deine Güte reicht so weit der Himmel ist
und deine Wahrheit so weit die Wolken gehen.
In dir ist die Quelle des Lebens – und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“

Wenn ich diese Worte bete, spüre ich: Das weitet meine Seele und bereitet mich vor für alles, was kommt. Mit dem Glanz Gottes will ich in den Tag gehen. Und dann erst die Zeitungslektüre und beunruhigende Nachrichten auf mich wirken lassen.
Es geht ja nicht darum, das Dunkle zu beschönigen oder zu verdrängen. Aber dabei nicht zu verharren oder zu verbittern. Das will auch der nicht, der mir Leben schenkt. Gott will vielmehr, dass sein Licht in meinem Leben leuchtet und nicht verlischt.

Ich denke dabei auch an Worte von Wolf Biermann, in denen er das einmal so ausgedrückt hat: „Du lass dich nicht verbittern – in dieser bittren Zeit...“ – „wir brauchen ... grad Deine Heiterkeit.“

Sich nicht verbittern lassen! Den Tag nicht mit Bitterkeiten beginnen – und übrigens: auch nicht damit beschließen. Ein Schriftstellerfreund rät mir: „Lies gute Literatur vorm Einschlafen!“ Die Zeitung ist dann Morgen wieder dran. Nach Lob und Dank.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34105