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SWR3 Gedanken

17OKT2021
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Die zwei Mädchen stehen vor mir. Sie sind so ungefähr 5, 6 Jahre alt. Die eine hat ein rosafarbenes Rüschenkleid an, die andere ist ganz in gold und ebenfalls ordentlich berüscht. Die beiden haben sich schick rausgeputzt, weil doch ihr kleiner Cousin heute im Gottesdienst getauft wird.

Ich gucke an mir herunter: Jeans und Sweatshirt… Und ich denke an meine Oma. Meine Oma hatte auch noch ein Sonntagskleid. Und Sonntagsschuhe, die immer geputzt waren. Und einen Sonntagsmantel. Die Sonntagskleidung war etwas Besonderes und wurde nur zu besonderen Gelegenheiten angezogen: klar, zum sonntäglichen Gottesdienst, auf Familien- und Dorffesten auch und natürlich, wenn man zum Amt musste. Bei meiner Oma gab es sonntags auch immer einen Sonntagsbraten, ein wahres Festessen!

Ich frage mich, wann ich den Sinn für das Besondere des Sonntags verloren habe. Klar, ein Sonntagsbraten ist nichts mehr Besonderes, wenn man montags bis freitags Fleisch ohne Ende essen kann. Und wer hat noch ein Sonntagskleid? Ich zumindest trage am Sonntag meine Alltagskleider, denn meine Sonntage unterscheiden sich eigentlich nicht mehr großartig von den Werktagen. Irgendwo muss das Besondere auf der Strecke geblieben sein. Verständlich, wenn die Woche voller viel zu stressiger Arbeitstage ist. Da ist die Sehnsucht nach einem gemütlichen Sonntag in Jogginghose verständlich. Aber der Alltag meiner Oma war damals bestimmt auch nicht einfacher: ohne Waschmaschine, ohne Spülmaschine, ohne Küchengeräte, dafür aber mit vielen Kindern und einem Bauernhof. Aber sie wusste noch, wie wichtig es ist, etwas Besonderes im Leben zu haben, einen Tag, der anders ist. Der sich abhebt und den Alltag durchbricht.

Vielleicht sollte ich mir heute mal einen Rock anziehen. Und was Besonders kochen. Vielleicht in den Gottesdienst gehen? Einfach so, weil Sonntag ist!

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