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SWR4 Abendgedanken

14OKT2021
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Wenn ich es nach Feierabend schaffe, mache ich gerne noch einen Spaziergang im Park. Ich genieße es, mich so an der frischen Luft zu bewegen. Und ich genieße es, dass ich da viele Menschen sehe, die dort ebenfalls Zeit verbringen.

Ich gehe immer dieselbe Strecke und komme dabei an verschiedenen Gartenpartien vorbei, Rosenbeete, ein Teich im japanischen Stil, eine Wiese mit Wildvögeln, Baumalleen, in deren Wipfeln bei uns in Stuttgart sogar Papageien leben. Und genauso bunt und abwechslungsreich sind die Menschen, die ich da sehe. Jogger und Radler, einzeln und in Gruppen, in einer Ecke ist meistens eine Gruppe von Menschen um die Tischtennisplatte versammelt – mit Musik, die nach Reggae klingt und mich an ferne Länder denken lässt. Und in der Gegend mit den Grillplätzen sind Gruppen von Leuten, die sich zum Essen treffen. Es riecht nach Cevapcici und Würstchen. Mein Spazierweg geht weiter an einem Mann vorbei, der zu seiner Gitarre singt, auf der Wiese spielen junge Leute noch Volleyball. Wenn ich daran vorbeiziehe ist das wie ein Vorgeschmack aufs Paradies. Ich sehe diese Vielfalt in der Natur und die Vielfalt der Menschen. Ich freue mich, wie all das nebeneinander her funktioniert. Jeder lässt den anderen so sein wie er ist. Aber es ist mehr als nur Leben und Leben lassen. Zumindest hier gelingt es für eine gewisse Zeit, dass unterschiedliche Menschen friedlich zusammenleben und keiner den anderen bedrängt.

Für mich ist dieser Feierabendspaziergang eine Gewohnheit geworden, die ich genieße. Er hilft mir, mich von meinem Arbeitsalltag zu lösen. Aber viel wichtiger finde ich, dass sich da mein Horizont nochmals weitet, wenn ich diese Vielfalt erlebe. Für mich ist das wie ein Spaziergang durchs Paradies. Das Paradies wird in der Bibel ja auch als so ein Garten mit einer bunten Vielfalt an Pflanzen und Tieren beschrieben. Es ist ein Bild für einen Urzustand, in dem alles heil und gut ist, bis der Mensch eine Grenze überschreitet und das Paradies dadurch verloren ist. In der Erzählung sind es Adam und Eva, die misstrauisch werden und nicht akzeptieren, dass es eine Privatsphäre des anderen gibt. Dafür steht der Baum, dessen Früchte sie nicht essen sollen, und es dann doch tun.

Was die Autoren der Bibel da von einer vergangenen Urzeit erzählen, gilt aber immer. Auf meinen Spaziergängen ahne ich, wie ein Leben im Paradies möglich ist, solange ich die Bereiche der anderen akzeptiere. Deshalb genieße ich diese Spaziergänge am Feierabend nach einem langen Arbeitstag auch so sehr. Sie führen mir vor Augen, wie unsere Welt gut und heil sein kann. Nicht nur am Abend, sondern eigentlich immer. So nah kann der Weg zum Paradies sein.

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