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SWR4 Abendgedanken

12OKT2021
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Wir leben in einer Gesellschaft mit Menschen, die unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehören. Wenn ich durch die Fußgängerzone in Stuttgart gehe, sehe ich diese Unterschiede an vielen Menschen: Die einen tragen ein Kreuz um den Hals, andere haben den Punkt der Hindus auf der Stirn. Wieder andere tragen ein blauweißes Amulett an der Halskette, das Auge Allahs, das den Menschen schützt, der es trägt. Und dann gibt es noch die, bei denen ich nichts sehe, weil sie vermutlich gar nicht an einen Gott glauben. Dass Menschen so Verschiedenes glauben, ist für mich als katholischer Christ etwas Gutes. Ich bin zwar von meinem Glauben an Jesus überzeugt, aber ich weiß, dass es gute Gründe gibt, auch anders oder gar nicht zu glauben. Für mich ist es deshalb wichtig, wie ich als Christ damit umgehe.

Schon vor über 60 Jahren haben die Bischöfe auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil gesagt, dass Menschen in allen Religionen Wahres glauben und Wege finden, Gutes zu tun. Das glaube ich auch, denn alle Religionen suchen nach der Wahrheit. Die Bischöfe haben die Wahrheit mit einem Licht verglichen, wie das Licht der Sonne, die ihre Strahlen in alle Ecken dieser Welt sendet. Es ist immer dieselbe Sonne, aber es macht einen Unterschied, ob ich ihre Strahlen auf dem Meer gespiegelt sehe, oder zwischen Bäumen im Wald. Oder ob sie in einer freien Landschaft scheint, wo ich die Strahlen zwar nicht wahrnehme, aber durch ihr Licht überhaupt erst etwas sehen kann.

So ist es demnach mit der Wahrheit: Sie kommt bei Menschen mit einer asiatischen Kultur anders an als bei Menschen, die nach der europäischen oder afrikanischen Kultur leben. Und die Menschen reagieren dementsprechend auf die Wahrheit. Die Juden legen zum Beispiel großen Wert darauf, dass Gott treu zu seinen Versprechen steht. Für die Muslime ist es wichtig, dass sie nur Gott gehorchen und sich ihm voll und ganz hingeben. Buddhisten achten darauf, ausgewogen und gut zu leben und die göttliche Kraft in Meditation und Stille zu spüren. Atheisten zeigen mit ihrem kritischen Denken, wie wichtig es ist, die Wahrheit zu hinterfragen. Alle erkennen so einen Teil der Wahrheit.  Wir kommen ihr näher, wenn wir uns über unsere Ansichten austauschen.

Ich habe das schon so erlebt: In der Metzgerei, in der ich einkaufe, ist eine muslimische Frau an der Fleischtheke. Im Fastenmonat Ramadan, in dem Muslime weder Essen noch Trinken dürfen, habe ich sie gefragt, ob ihr das sehr schwerfällt, wenn sie doch den ganzen Tag vor Lebensmitteln steht. Am Anfang ist es schon schwer, hat sie gemeint. Aber sie hat auch gesagt, sie weiß ja, dass sie es für Gott tut.

Mir ist mir da klar geworden, dass ich als Christ etwas von ihr lernen kann. Nämlich, dass ich es ernst meine, mit meinem Glauben an Jesus Christus.

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