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SWR4 Abendgedanken

11OKT2021
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Heute erinnert die katholische Kirche an Papst Johannes XXIII. Und ich denke gerne an ihn, obwohl er schon tot war, als ich geboren wurde.

Trotzdem ist er mir ein Begriff als der Papst, der das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet hat und die Kirche damals für die moderne Zeit öffnen wollte. Was ich von seiner Persönlichkeit weiß, ist mir sehr sympathisch. Sein bürgerlicher Name ist Angelo Roncalli. Und dieser Name hat einen speziellen Klang, weil der Roncalli-Zirkus sich bewusst auf ihn bezieht. Was ihn für mich zu einem Vorbild macht, kommt auf den Punkt in einem Satz, den er sich selbst in sein Tagebuch geschrieben hat:

„Giovanni, nimm Dich nicht so wichtig“.

Für Johannes XXIII. war auch als Papst klar, dass er ein Mensch unter Menschen, ein Christ unter Brüdern und Schwestern bleibt. Dass es nicht um seine Person geht, sondern um die Sache, die er vertritt. Mir gefällt sein Satz „Giovanni, nimm Dich nicht so wichtig.“ aber auch deshalb gut, weil Johannes XXIII. damit zeigt, dass er seine Herkunft nicht vergessen hat. Er sich hält nicht für etwas Besseres, sondern ist ein Mensch wie alle anderen. Angelo Roncalli kam aus ärmlichen Verhältnissen, wurde als Sohn eines Gutspächters geboren. Die Familie hatte also nicht einmal Eigentum, sondern konnte sich nur durch ihre Arbeit ernähren. Als Priester hat er Karriere bis zum Papst gemacht. Aber er hat nie vergessen, wie es ist, wenn man als sogenannter kleiner Mann hart arbeiten muss.

Ich sehe das in meinem Beruf auch. Wenn ich nach einem langen Arbeitstag mein Büro verlasse, kommen die Leute von der Putzkolonne und erledigen zuverlässig ihren Teil bis in den späten Abend. Mit Sicherheit werden sie nicht so gut bezahlt wie ich und trotzdem leisten sie ihren Teil. 

Jeder Mensch hat andere Ausgangsbedingungen und sich durch die Ausbildung seine Arbeitsmöglichkeiten geschaffen. Aber jeder leistet seinen Teil an seinem Platz. Deshalb gilt für mich, dass keiner sich über die anderen erheben sollte. Ich muss mich nicht vergleichen, nicht anderen unterordnen oder mich über andere stellen. Und das ist doch eine wunderbare Sache: Ob Papst, Bundeskanzler, Vorstand, Bürokraft oder Putzfrau – wir alle sind Menschen, einer wie der andere, eine wie die andere.

Es macht zwar einen Unterschied, wenn einer als Führungspersönlichkeit oder als Chef Verantwortung für die anderen übernimmt. Aber dieser Unterschied zeigt sich gerade nicht darin, dass diese Position ihn oder sie zu etwas Besserem macht. Im Gegenteil, ich wünsche mir Führungspersönlichkeiten und Chefs so, dass sie wissen, dass wir als Menschen alle gleich viel wert sind. Denn das, was Angelo Roncalli sich als Papst schreibt, gilt für alle: „Nimm dich nicht so wichtig!“

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