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SWR2 Wort zum Tag

15SEP2021
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Was für eine prachtvolle Fassade!  Ich war beeindruckt, als ich im Sommer auf der großen Freiterrasse vor der Klosterkirche Birnau gestanden bin.  Eine Kirche wie ein Schloss – und auch der mit Fresken und Stuck verzierte Innenraum steht dem in nichts nach. Aber diese Pracht ist nicht für einen Fürsten erbaut worden, sondern für die Königin des Himmels – für die Gottesmutter Maria. Dort gibt es eine spätgotische Madonna mit Jesuskind. Sie steht an zentraler Stelle im Altarraum. Viele Menschen gehen dorthin, um Maria von ihren Sorgen zu erzählen. Aber auch wenn sie über etwas sehr glücklich sind, kommen sie zu diesem Gnadenbild, um Maria Danke zu sagen.

Typisch katholisch – mag man da denken. Und für Menschen, die nicht von einer traditionell katholischen Frömmigkeit geprägt sind, ist diese Verehrung der Maria bestimmt etwas befremdlich. Stellt man sie damit nicht über Jesus?

Nach katholischem Verständnis ist Maria nicht nur eine historische Person, die vor 2000 Jahren Jesus zur Welt gebracht hat. Das zeigt sich in dieser Kirche besonders im Deckenfresko über dem Altarraum. Dort schwebt eine schwangere Maria über den Wolken, und durch ihren Leib ist bereits Christus zu erkennen. Ich bleibe fasziniert an diesem Bild der schwangeren Maria hängen. Ich verstehe es so, dass Christus gegenwärtig ist - in unserer Welt und in der Schöpfung - wie ein Kind im Leib seiner Mutter.

Als ich wieder aus der Kirche herauskomme und auf den See schaue, schwingen diese Gedanken noch in mir nach. Was bedeutet das angesichts der Bedrohung der Schöpfung? Die menschengemachte Klimakrise, deren Folgen in diesem Sommer immer deutlicher zu Tage treten, scheint nicht zu diesen schönen Empfindungen zu passen. Oder doch? Ich glaube, dass der Klimawandel nicht nur ökologische, politische und technische Antworten erfordert, sondern auch spirituelle. Wenn wir unser Herz berühren lassen – etwa von der Schönheit eines Ortes, wenn wir wieder staunen lernen über unsere Welt, die so großartig und zugleich so verletzlich ist, dann können wir Gottes verborgene Gegenwart in unserer Welt entdecken. Und unser Einsatz für den Bewahrung der Schöpfung kann sich damit verbinden.  Das macht mir Mut  für die immensen Herausforderungen, die vor uns liegen.

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